
Zur Geschichte der ChinA von 1980 bis 2006
Eine Dokumentation der Hamburger Sinologischen Gesellschaft (HSG)
- 01 Eröffnung
- 02 Vorbemerkungen
China hat seit dem 17./18. Jahrhundert Hamburger Geschäftsleute und Literaten interessiert, verstärkt seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Jahre 1910 wurde deshalb am hiesigen Kolonialinstitut nicht die erste deutsche Professur zu China, wohl aber der erste Lehrstuhl zur Unterrichtung über dieses ferne Land besetzt.
Hundert Jahre sind seither fast vergangen. Das an der ein Jahrzehnt später gegründeten Universität Hamburg, in welcher das Kolonialinstitut aufging, eingerichtete Seminar für Sprache und Kultur Chinas (ChinS) hat manche Veränderungen erfahren. Gegenwärtig bildet es die Abteilung für Sprache und Kultur Chinas (ChinA) des im Jahre 2000 gegründeten Asien-Afrika-Instituts, das positive Traditionen des Kolonialinstituts aufnimmt.
In den letzten 25 Jahren haben ChinS und ChinA ebenfalls manche Veränderungen erfahren auch dadurch, daß China in dieser Zeit zu einer wirtschaftlichen und politischen Weltmacht aufstieg. Für Erinnerungen anläßlich des 4. Absolvententreffens der HH-Sinologen am 30. September 2006 sollen diese 80 Bildtafeln einige Anregungen geben.
Natürlich reichen für die Erinnerungen an 25 Jahre 80 solcher Bildtafeln nicht aus. Ungefähr 200 solcher Tafeln liegen inzwischen vor und werden sich, jenseits dieser Ausstellung, auf andere Weise dokumentieren lassen. Mehrere hundert sollen noch hinzukommen.
Ausdrückliches Ziel der Dokumentation ist, auch die Lebensläufe der Absolventen von ChinS und ChinA darzustellen - bis zum Examen und danach, in knapper, aber anschaulicher Form. Alle Studierenden sind wesentliche Teile der Geschichte der ChinA.
Hamburg, den 9. September 2006
Hans Stumpfeldt
- 03 Otto Franke (1)
Den ersten deutschen Lehrstuhl für Sinologie nahm Otto Franke (* 27. 09. 1863, † 05. 08. 1946) am 1. Januar 1910 ein. Nach einer Tätigkeit im diplomatischen Dienst in China und als freier Publizist war er als Professor an das Kolonialinstitut, damals eine sehr fortschrittliche Institution, und für das Allgemeine Vorlesungswesen in Hamburg berufen worden. Bei seinem Ausbau der China-Studien am Kolonialinstitut vertrat er entschieden die Maxime, daß eine Beschäftigung mit dem gegenwärtigen China allein, ohne genaue Kenntnis von dessen Traditionen, wenig ertragreich sei. Andererseits begleitete er gegenwärtige Entwicklungen in Ostasien stets durch genaue Analysen, die er meistens zunächst in Tageszeitungen veröffentlichte und die durch seine diplomatischen Erfahrungen geprägt waren. Verdienste erwarb er sich auch bei der Vorbereitung der Gründung der Universität Hamburg.
- 04 Otto Franke (2)
Wissenschaftliches Hauptwerk von Otto Franke wurde die "Geschichte des chinesischen Reiches", das er jedoch erst nach seiner Zeit in Hamburg begann. 1930 erschien der erste Band, erst 1952 und posthum Band V, der das Mammutwerk aber nicht abschloß. Seine "Erinnerungen aus zwei Welten", ebenfalls posthum herausgegeben, bilden noch heute eine interessante Lektüre. Die "Geschichte" steht noch ganz in den wissenschaftlichen Traditionen des 19. Jahrhunderts, während manche Äußerung zu aktuellen Vorgängen den Nachgeborenen nachdenklich stimmt: "Asien aber hofft heute sehnsüchtiger als je auf das Wiedererwachen und Wiedererstarken des deutschen Geistes mit neuer Erkenntnis. (…) Dann könnte vielleicht noch einmal der Tag der Deutschen kommen, wo ihnen das Schicksal die Hand zur Trennung reicht, wenn ein Mann unter ihnen wäre, der die Hand zu fassen versteht, und der nationale Wille der Massen bis dahin nicht ausgestorben sein sollte." - Auf dem Friedhof Olsdorf in HHH erinnert noch eine Gedenktafel an diesen – trotz allem – herausragenden Gelehrten.
- 05 Alfred Forke (1)
Der zweite Inhaber des HH-Lehrstuhls für Sinologie war Alfred Forke (* 12.01. 1867, † 09. 07. 1944). Nach einem 1890 mit dem Dr. jur. abgeschlossenen Studium und einigen Chinesisch-Kursen ging er im gleichen Jahr als Dolmetscher an die deutsche Gesandtschaft in Peking, danach in den Konsulardienst. Schon 1903 wurde er Professor für Chinesisch am Berliner Seminar für Orientalische Sprachen. Großartige Übersetzungswerke wie 1907 die Übersetzung des Lun-heng und 1922 die des Mo-tzu, beides herausragende Quellenschriften zur altchineschen Philosophie, führten ihn 1923 auf den Hamburger Lehrstuhl, den er bis zu seiner Emeritierung 1935 innehatte. Erich Haenisch schrieb in einem Nachruf: "Alfred Forke war ein klarer und nüchterner Gelehrter, dazu ein fleißiger und fruchtbarer Arbeiter."
- 06 Alfred Forke (2) Alfred Forke war in mancher Hinsicht den sinologischen Kollegen seiner Zeit weit voraus. Sein Hauptwerk ist die dreibändige "Geschichte der chinesischen Philosophie", die in den Jahren 1927, 1934 und 1938 erschien. Ein besonderer Vorzug dieses Werkes war, daß es bis in die Gegenwart Forkes reichte, obwohl er hierzu schrieb: "Einen Philosophen von Bedeutung gibt es zur Zeit in China nicht, aber es ist wohl anzunehmen, daß, wenn der Kampf der Weltanschauungen sich etwas beruhigt, angeregt durch die vielen vom Ausland einströmenden Gedanken neue schöpferische Philosophen erstehen werden." Die chinesische Theaterliteratur galt vielen seiner Kollegen damals als überflüssige Lektüre, wenn nicht gar als unseriöse. Manche seiner Arbeiten wurden erst Jahrzehnte nach seinem Tod aus dem Nachlaß veröffentlicht. Auch chinesische Gedichte übersetzte er, und manches Alltagsdokument bezeugt, wie akribisch er sich auch den Notwendigkeiten widmete, die mit der Herausgabe einer Schriftenreihe verbunden waren. Sein Schriftenverzeichnis, von seinem Nachfolger Fritz Jäger veröffentlicht, enthält, einige Nachträge hinzugerechnet, mehr als 120 Positionen.
- 07 Fritz Jäger (1)
Dritter Inhaber des HH-Lehrstuhls für Sinologie war Fritz Jäger (* 21. 02.1886, † 14.06.1957). Nachdem er 1909 in Rostock im Fach Klassische Philologie promoviert worden war, begann er 1910 bei Otto Franke seine sinologischen Studien und wurde später, nach seiner Assistenzzeit, 1935 Nachfolger von Alfred Forke auf dem Lehrstuhl. Wegen Nähe zum Nationalsozialismus wurde er 1945 amtsenthoben, doch 1947 wieder eingesetzt, ließ sich aber bald pensionieren und wurde durch die förmliche Emeritierung 1957 gleichsam rehabilitiert. In einem noblen Nachruf rühmt Wolfgang Franke ihn als Menschen und Gelehrten von großer Bescheidenheit und Selbstkritik. Seine politischen Verstrickungen waren wohl auf Naivität und Gutmütigkeit zurückzuführen. Drei Schüler führte er zur Promotion: Alfred Hoffmann, Herbert Pohl und Heinrich Eggert, der im Kriege fiel.
- 08 Fritz Jäger (2)
Das wissenschaftliche Werk von Fritz Jäger wird gemeinhin unterschätzt. Aufgrund äußerer Umstände, aber auch von privaten Schicksalsschlägen fehlte ihm oft die Muße, begonnene Arbeiten zu beenden. Gerade seinen kleinen Arbeiten läßt sich entnehmen, daß er in der Sinologie über neue Wege nachsann - so in einem kurzen Aufsatz über eine "Redefigur" im Shih-chi, diesem Monument chinesischer Geschichtsschreibung. Ähnliches gilt für eine nur 40seitige Schrift über eine Forschungsreise zu den Yao, einer kleinen Ethnie in Südchina. Erhaltene Papiere dokumentieren, mit welch penibler Akribie er sich seinen Themen näherte, darunter dem altchinesischen Denker Yang Hsiung, den europäisch-chinesischen Kulturbeziehungen im 16./17. Jahrhundert, ebenso der Geschichte der chinesischen Naturwissenschaft in diesem Zeitraum.
- 09 Fritz Jäger (3)
Ein alltäglicher Aspekt von Fritz Jägers Wirken, schon in der Zeit seiner Assistenz, ist heute vergessen. Damals verfügte keine Druckerei in Deutschland aber einen Satz chinesischer Schriftzeichen, und auch sonst waren hier orientalische Schriften nahezu unbekannt. Einen nicht geringen Anteil daran, daß die Druckerei Augustin in Glückstadt Weltruhm erlangen sollte, hatte Fritz Jäger. Otto Franke schreibt in seinen Lebenserinnerungen: "Eine große Hilfe in meiner wissenschaftlichen Tätigkeit erwuchs mir dadurch, daß ein junger, unternehmungsfroher Druckereibesitzer in Glückstadt sich für die Arbeiten des Seminars erwärmte. Er hatte im Winter 1911 in dem meinigen chinesische Drucke gesehen und bewundert." Jäger engagierte sich stark für Augustin und wies auch die Setzer in die Handhabung chinesischer Schriftsätze ein. Bald war der Reichtum asiatischer Schriften in der Offizin Augustin einzigartig auf der Welt. Erst der PC bereitete solch handwerklicher Druckkunst ein Ende.
- 10 Ernst Boerschmann
Ernst Boerschmann (* 18.02. 1873, † 30. 04. 1949) wirkte seit 1945, nach der vorläufigen Amtsenthebung von Fritz Jäger, für einige Zeit als kommissarischer Leiter des ChinS. Ein militärischer bedingter Aufenthalt in China im Jahre 1902 hatte seinem Leben eine entscheidende Wende gegeben und ihn für die chinesische Baukunst begeistert. Dieser widmete er eine Reihe grundlegender Studien, die sich auch durch seine Fotoaufnahmen auszeichneten, die eine bis dahin unerreichte Qualität aufwiesen. Schon 1924 war er an der Technischen Hochschule Berlin Honorarprofessor für chinesische Baukunst geworden. Die innerchinesischen Konflikte und der 2. Weltkrieg ließen viele seiner Projekte nicht reifen. Wenig bekannt ist, daß E. B. sich auch für die chinesische Dichtkunst interessierte.
- 11 Wolfgang Franke (1)
Nach einem langen "Interregnum" erscheint Wolfgang Franke (* 24. 07. 1912) erstmals zum Wintersemester 1950/51 im Vorlesungsverzeichnis der Uni HH. Er war der vierte Inhaber des Lehrstuhls für Sinologie und damit ein Nachfolger seines Vaters Otto Franke, zu dessen Überraschung er Sinologie als Studienfach gewählt hatte. Nach dem Abitur 1930 studierte er zunächst in Berlin, kehrte dann aber nach Hamburg zurück, wo er sich vor allem für die Seminare von Fritz Jäger interessierte. Mit einer Doktorarbeit über die Reformversuche des K'ang Yu-wei im Jahre 1898 wurde er im Jahre 1935 promoviert. Bald hielt es ihn nicht länger in Deutschland, denn er erhielt eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschland-Institut in Peking. Im Jahre 1937 traf er, über Shanghai, dort ein. Über seine Jugend und seine Zeit in China berichtet er anschaulich im ersten Band seiner Autobiographie. An seinem Geburtstag, am 24. Juli 1950, kehrte W.F. nach Hamburg zurück.
- 12 Wolfgang Franke (2)
Wolfgang Franke prägte Teile der deutschen Sinologie durch sein Konzept, Sinologie keineswegs als philologische Spezialwissenschaft verstehen zu wollen, sondern als umfassende "Chinakunde". Schriften wie "Das Jahrhundert der chinesischen Revolution. 1851-1949" (1958), vor allem die Herausgabe des "China-Handbuch" (1974) erreichten auch ein nichtakademisches Publikum und prägten für Jahrzehnte die deutschen Kenntnisse über das gegenwärtige China. Zusätzlich wirkte er in zahlreichen Gremien zur Beförderung der China- und Asienstudien in Deutschland mit, doch auch dem Universitätsklub, der die Uni mit dem HH-Bürgertum verbinden sollte, galt sein Augenmerk. Unter ihm zog das ChinS, das davor in den Häusern Bornplatz 2 und Alsterglacis 3 beheimatet gewesen war, in den Philosophenturm um, wo es bis 2002 bleiben sollte. Für September 1961 bereitete es die alljährliche Junior Sinologues Conference vor, im Haus Rissen, zu der sich zahlreiche Sinologen aus der DDR und Osteuropa angemeldet hatten. Der Bau der Berliner Mauer am 1. August 1961 vereitelte bei vielen die Teilnahme.
- 13 Wolfgang Franke (3)
Eine stattliche Zahl von Schülern wurde durch Wolfgang Franke promoviert. Das Magisterexamen wurde erst in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre eingeführt, und zunächst wählten nur wenige diese Möglichkeit eines Studienabschlusses. Bei den Themen der Doktorarbeiten fallt auf, daß zahlreiche der Ming-Dynastie gelten. Mit dieser wollte W.F. die "Geschichte des chinesischen Reiches" seines Vaters fortführen und widmete ihr einen Teil seiner Forschungen. Ein Handbuch, zurückhaltend "Introduction" genannt, zu den Quellen für diese Zeit wurde die Frucht solcher Forschungen. - Diese Zeit war aber auch die der Studentenrebellion von 1968, die in HH eine Hochburg hatte, und des Umbaus der Universitäten - fort von der sogenannten Ordinarien-Universität! Institutssatzungen und -räte mußten geschaffen werden, und manchmal nannte W.F. jetzt seine Position einfach "Vorsitzender".
- 14 Wolfgang Franke (4)
Alte Dokumente, auch unbedeutende und alltägliche, machen anschaulich, wie erbärmlich es um die deutsche Sinologie bestellt war, als Wolfgang Franke 1950 auf den Hamburger Lehrstuhl kam. Die Zahl der im damaligen Westdeutschland lebenden Chinesen, auch sie für die Sinologie wichtig, war so klein, daß sich leicht ein Überblick darüber verschaffen ließ. Durch sein Wirken hat W.F. erheblich dazu beigetragen, daß die Sinologie wieder aufblühte, vor allem hat er die gegenwartsbezogenen Chinastudien gefördert. Mehrere von seinen Schülern wurden in Professuren berufen. Über sie, sofern sie nicht in Hamburg eine Professur errangen, sollen spätere Blätter in Fortführungen dieser Dokumentation berichten.
- 15 Wolfgang Franke (5)
Wege in die Welt fand Wolfgang Franke oft, wenn er sich von den Beengtheiten im Philturm und in der Universität HH freimachen wollte. Dazu verhalf ihm aber auch ein akribisch geführter Briefwechsel mit Freunden und Kollegen. Wenn er sich auf Reisen begeben hatte, dann unterrichtete er diese durch Rundbriefe regelmäßig über seine unterwegs gewonnenen Eindrücke, die oft auch wissenschaftsgeschichtlich aufschlußreich sind. Über die zweite, professorale Phase seines Lebens schrieb er in dem zweiten Band seiner Autobiographie. Noch im hohen Alter kehrte Wolfgang Franke jedoch regelmäßig in "sein" ChinS zurück, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen oder frühere Notizen anhand der altvertrauten Bücher in der Bibliothek zu verifizieren.
- 16 Wolfgang Franke (6)
Nach seiner Emeritierung im Jahre 1977 zog Wolfgang Franke nach Kuala Lumpur in Malaysia, wo er auch an der Universität lehrte. Das Wetter in Hamburg sagte ihm nicht zu, und schon vorher hatte er jede Gelegenheit genutzt, nach Südostasien zu entweichen. Jetzt kam auch die Möglichkeit, nach China zu reisen, hinzu. Dort fand er sogar Teile seiner Bibliothek wieder, die er 1950 zurücklassen mußte. Auf ausgedehnten Reisen dokumentierte W.F. jetzt die Inschriften, die Chinesen in "Greater China" hinterlassen hatten - ein Forschungsgebiet, das ihn schon früher fasziniert hatte. Wertvolle Quellensammlungen entstanden hierdurch, und zahlreiche Ehrungen wurden W.F. zuteil. Der zweite Band seiner Autobiographie, der bis zum Jahre 1998 reicht, beschreibt diese zweite und dritte Phase seines Lebens. Unermüdlich muß er - auch in dieser Hinsicht ein "alter Chinese" - Tagebuch und sonstige Aufzeichnungen über sein Leben geschrieben haben. Gegenwärtig lebt er, hochbetagt, bei seiner Tochter in Berlin.
- 17 Wolfgang Franke (7)
Hu Chün-yin war seit 1945 die Ehefrau von Wolfgang Franke, auch sie eine eindrucksvolle Gestalt. Zu manchen Zeiten nahm sie am ChinS als Lektorin den Sprachunterricht wahr. Auch sonst wußte sie, eine chinesische Tai-tai und eine deutsche Ordinariusgemahlin zugleich, auf die Vorgänge im ChinS Einfluß zu nehmen. Aufgrund ihrer vorzüglichen traditionellen Bildung konnte sie W.F. bei manchen seiner Arbeiten behilflich sein, doch vertrauteren Besuchern zeigte sie schon einmal die eigene aus China mitgebrachte Bibliothek aus den 1920er/1930er Jahren und erklärte stolz: "Das ist meine feministische Bibliothek." In schon fortgeschrittenen Jahren lernte sie sogar - und deutlich vergnügt - den Genuß von Zigarren. Ihr Grabstein steht auf der Grabstätte der Familie Franke in der Nähe von Kapelle 7 auf Ohlsdorf.
- 18 Liu Mau-Tsai (1)
Ein bewegtes Leben zwischen Fernost und Deutschland hatte Liu Mau-Tsai (* 07. 11. 1914) bereits hinter sich, als er - nach vorbereitenden Tätigkeiten an den Universitäten Göttingen und Bonn - 1967 dem Ruf auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Sprache und Literatur Chinas am ChinS folgte. Dieser Vorgang war einzigartig. Bis dahin hatte es an keiner deutschen Universität zwei Lehrstühle für Sinologie gegeben, und mancher deutsche Professor tadelte Wolfgang Franke überdies dafür, daß er ausgerechnet einen Chinesen damit betraut hatte. Schon die Trennung des Faches Sinologie in zwei Fachgebiete war umstritten, auch in der Philosophischen Fakultät der Uni HH. Zum Beispiel meinten die Historiker, allein sie könnten sich historischen Forschungen widmen. Deshalb lautete die Bezeichnung des ersten Lehrstuhl künftig auch nicht, wie von den Sinologen gewünscht, "Geschichte Chinas", sondern "Staat und Gesellschaft".
- 19 Liu Mau-Tsai (2)
Sehr umfangreich mag das Schriftenverzeichnis von Liu Mau-Tsai nicht aussehen, doch dem letzten Wort in ihm - "zahlreiche" - läßt sich etwas von Lius Wesensart entnehmen: Auf manches kam es ihm nicht an. Das, was er veröffentlichte, wurde entweder zu einem vielbenutzten Standardwerk, zu einem wichtigen Hilfsmittel für das Erlernen der Feinheiten des Chinesischen oder zu einer anregenden Einführung in einen bisher wenig beachteten Gegenstand chinesischer Kulturgeschichte. Manchmal ist unklar, wie Liu sich in seinem Beruf als Professor der Sinologie selbst am liebsten sah - als seinen Studenten zugewandter Lehrer oder als zurückgezogen nachsinnender Literat chinesischer Tradition. Jedenfalls war er ein begeisternder Lehrer, der auch die deutsche Sprache liebte - und sie vollkommen beherrschte.
- 20 Liu Mau-Tsai (3)
Neben allem wissenschaftlichem Ernst - Bernd Eberstein hob über Liu Mau-Tsai hervor: "Seine Freude an der Wissenschaft und an der Lehre aber ist ohne seine allgemeine Freude am Leben nicht denkbar." Das zeigen auch die letzten Bücher, die er schrieb - eines über chinesische Rätsel, ein weiteres mit Übersetzungen von chinesischen Gedichten zum Lobpreis des Weins und der Liebe. Eine Überlieferung besagt sogar, daß sich im Schrank seines Dienstzimmers Phil 703 stets eine Flasche Maotai verbarg, damals hierzulande eine Rarität. Nach mancher Sitzung des Institutsrats schenkte er davon aus und hätte sich wohl den Teufel um das Alkoholverbot für Diensträume geschert. Schließlich ist Maotai nichts anderes als eine berühmte "Antikummer-Arznei", die nach manchen Institutsratssitzungen wohl angebracht war.
- 21 Liu Mau-Tsai (4)
Aus Anlaß der Emeritierung von Liu Mau-Tsai veranstaltete das ChinS ein Fest. Es fand in einem Chinarestaurant mit dem ungewöhnlichen Namen "Deutsches Eck", Langenhorner Chausee 85, statt. Neben anderer Prominenz war auch Dr. Peter Fischer-Appelt, der Universitätspräsident, erschienen und bezeugte Liu so seine Wertschätzung. Bald danach verließ Liu Hamburg und kehrte mit seiner Frau nach Bonn zurück, auch zu seinem alten Freundeskreis dort. Endlich konnte er sich dort wieder ausführlich dem geliebten Tennisspiel widmen, das er bis ins hohe Alter pflegte. Gegenwärtig lebt er wieder in Hamburg, in der Obhut seines Sohnes Liu Jen-kai, der ebenfalls ein bekannter Chinawissenschaftler wurde.
- 22 Friedrich A. Bischoff (1)
Nachdem Friedrich A. Bischoff im Jahre 1982 als Fachvertreter für Sinologie I die Nachfolge von Liu Mau-Tsai angetreten hatte, rätselten manche, was das A. in seinem Namen bedeute. Da alsbald bekannt war, daß er altkatholischen Riten anhing, wurde das A. als Angelus gedeutet - und das blieb in kleinem Kreis sein Spitzname. Tatsächlich bedeutete es Alexander. - Am 18. Mai 1928 in Wien in eine Diplomatenfamilie geboren, wurde F. A. B. kosmopolitisch geprägt. So studierte er dann auch seit 1950 an Universitäten und vergleichbaren Institutionen in Paris, Hamburg, Peking und Ulan Bator eine Vielzahl von Fächern. 1959 schloß er seine Studien mit einer Arbeit über die Anfänge der Han-lin-Akademie an der Université de Paris mit dem Docteur ab. In Bonn schlossen sich Tätigkeiten im Bereich der Mongolistik und Tibetologie an, bevor er 1962 als Austauschdozent nach Tokyo ging.
- 23 Friedrich A. Bischoff (2)
An der Indiana University in Bloomington, USA, kehrte F. A. Bischoff zur Sinologie zurück, zunächst als Assistant Professor, bald auf den höheren Stufen des Professorentums. Seinen Ruf an die Uni HH verdankt er vor allem seinem Werk "Interpreting the Fu" über eine Hauptgattung der frühen chinesischen Literatur. Manche seiner Lehrveranstaltungen sind inzwischen legendär, auch seine manchmal eigenwilligen Interpretationen chinesischer Dichtung. Nach seinem im Jahre 1993 erfolgten Eintritt in den Ruhestand lebte F. A. B. überwiegend wieder in Wien. Vor allem die Mitgliedschaft in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bietet ihm dort günstige Voraussetzungen für die Weiterführung seiner wissenschaftlichen Arbeiten.
- 24 Michael Friedrich (1)
Er ist der Nachfolger von Liu Mau-Tsai und Friedrich A. Bischoff auf dem der chinesischen Sprache und Literatur gewidmeten zweiten Lehrstuhl: Michael Friedrich (*24. 09. 1955). Mehrere Jahre studierte er nach 1976, von einem einjährigen Taiwan-Aufenthalt unterbrochen, in Freiburg Sinologie und anderes, bevor er seine Studien 1981 in München mit dem M.A. abschloß. Die Promotion erfolgte schon 1983 mit einer Arbeit über den philosophischen Taoismus, aber die Assistentur (1983 bis 1986) gab er auf und suchte seine eigenen Wege zur Habilitation, die er 1990 bewältigte. Sprache und Denken in der neokonfuzianischen Philosophie war das Thema seiner Habil-Schrift. Schon 1994 erreichte ihn dann der Ruf auf den Hamburger Lehrstuhl.
- 25 Michael Friedrich (2)
Bald nachdem M.F. den Ruf nach Hamburg erhalten hatte, begann hier eine Art Sommertheater: Ein seinen Pflichten nicht recht gewachsener Hochschulsenator wollte unter anderem diese Professur streichen, obwohl er den Ruf an M.F. persönlich unterzeichnet hatte. Viele Seiten Stellungnahme und einige persönliche Gespräche waren notwendig, um den Senator zur Abkehr von seinen Plänen zu bewegen. Als M.F. dann im Herbst 1994 diesen Lehrstuhl für Sprache und Literatur Chinas einnahm, begann er sogleich ein anregendes und ideenreiches Wirken. Persönliche Interessen stellte er zugunsten von ChinS und ChinA, aber auch für den damaligen Fachbereich Orientalistik, dessen Dekan er erstmals 1999 wurde, hintan. Die Gründung des AAl und der ausgezeichnete Ruf der Sinologen in der Uni HH wären ohne seinen Einsatz nicht möglich gewesen - auch nicht ohne seine unermüdlichen Reden.
- 26 Michael Friedrich (3)
Wahrscheinlich hat Michael Friedrich nicht gezählt, wie oft er nach seinem Probevortrag und seiner Antrittsvorlesung in Hamburg öffentlich geredet hat. Viele öffentliche Reden waren das, und weitere kamen auswärts hinzu - von solchen Orten wie Berlin bis hin zu HHs Partnerstadt Shanghai, dann natürlich auf Chinesisch. Manchmal sind wissenschaftliche Themen Gegenstände solcher Reden, aber auch die interessierte Öffentlichkeit erwartet sachkundige Informationen über China, und zwar in verständlicher Form. Hinzukommen Eröffnungsansprachen für alle möglichen Gelegenheiten. Wer mag das zählen? Eine Crux ist jedoch: Jemand, der solchen Verpflichtungen nur nachlässig nachkommt, wird nicht mehr eingeladen. Für den, der sie ernst nimmt, erhöht das die Zahl seiner Arbeitsstunden beträchtlich.
- 27 Michael Friedrich (4)
Außenstehende können nicht ahnen, was ein Universitätsprofessor, der seine Dienstpflichten ernst nimmt, jenseits von diesen noch alles zu bewältigen hat. "Der Forschung, der Lehre, der Bildung" als Motto ist die Universität Hamburg gewidmet. Seit M.F. der Ruf an diese erreichte, sind politisch verordnete Sparzwänge und die Strategien, ihnen zu entgehen und mit ihnen umzugehen, an der Tagesordnung. Seit zwölf Jahren also ist derlei eines der viel Zeit beanspruchenden Lebensthemen von Michael Friedrich. Mit dem Motto der Uni HH hat das nicht viel zu tun, und es beansprucht Lebenszeit, die eigentlich der Wissenschaft geschuldet ist. Ein begeisterter Forscher wie M.F. muß sich dafür in eine Urlaubs-Abgeschiedenheit zurückziehen - und auch dort erreichen ihn per Mail die Alltäglichkeiten seiner gegenwärtigen, im August 2006, Funktion als Sprecher des Asien-Afrika-Instituts.
- 29 Jutta Rall (2)
Vielleicht zählte die Geschichte der chinesischen Medizin nicht zu den sinologischen Leidenschaften von Jutta Rall-Niu. Jedenfalls lehrte sie selten darüber. In genauerer Erinnerung blieben vielen Sinologie-Studenten gewiß ihre regelmäßig wiederkehrenden Lehrveranstaltungen "Einführung in die chinesische Schriftsprache", "Einführung in die Landeskunde" und "Japonicum". Ungefahr zwölf Jahre und bis zwei Jahre vor ihrem Ausscheiden aus dem Uni-Dienst im Jahre 1994 wirkte sie als Sprecherin des Fachbereichs Orientalistik. So etwas hatte es an der Uni HH noch nie gegeben! Gegenüber der Öffentlichkeit pflegte sie manchmal eine "deutliche Aussprache", doch die Studierenden, deren Examensarbeiten sie betreute, schätzten ihre Hilfsbereitschaft.
- 30 Bernd Eberstein (1)
Rechtzeitig zu den HH-China-Wochen 1988 legte Bernd Eberstein sein zweites Hauptwerk vor: "Hamburg - China. Geschichte einer Partnerschaft". Die Geschichte der deutschen Chinabeziehungen war sein zweites großes Fachgebiet geworden, und für ihn, einen bekennenden Hamburger, lag nahe, diese zunächst im Hinblick auf Hamburg zu erforschen. Weitere "Hamburgensien" schlossen sich an, zum Beispiel im Jahre 2000 "Der Ostasiatische Verein 1900-2000". Dieser wirkungsreiche Zusammenschluß von HH-Kaufleuten feierte sein hundertjähriges Bestehen, und Eberstein, ebenfalls Mitglied dieser Vereinigung, wurde mit der Ausarbeitung dieser Festschrift betraut. Auch sie verlangte ein hohes Maß an forschender Intensität.
- 31 Bernd Eberstein (2)
Nie kam es Bernd Eberstein bei seinen Publikationen nur auf trockene Wissenschaftlichkeit an. Nach angelsächsischer Tradition sollten die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen stets auch in angemessener Form veröffentlicht werden, auch für einen weiteren Leserkreis. Eines der schönsten seiner Bücher war das "Der chinesische Konsul in Hamburg" von 1995. Der Shanghaier Wang Taizhi hatte von 1988 bis 1992 in Hamburg als Generalkonsul der VR China gewirkt. Als Freund der - auch der deutschen - Literatur schrieb er hier auch Gedichte über Hamburg. Eberstein übersetzte eine Auswahl dieser Gedichte, der Fotograf Bernt Federau stellte passende Bilder zur Verfügung, und das Buch wurde unter anderem bei der Buchmesse Leipzig 1996 mit der "Goldenen Letter" als ein schönstes Buch des Jahres ausgezeichnet.
- 32 Bernd Eberstein (3)
Nicht alle Blütenträume des Lebens reifen in den Augenblicken, in denen man sich das wünscht. Andererseits geraten einem die schönsten Fische unerwartet und ganz von selbst an die Angel. Manch ein Augenblick der Bitternis geriet auch in das Leben von Bernd Eberstein. Wer seine Schriften genau liest, der wird entdecken, daß das Meer und das Wasser und die damit verbundene Metaphorik in ihnen nicht selten auftauchen, manchmal nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar. Piratentum ist mit dem Meer seit jeher verbunden gewesen, und ein bißchen Piratentum, in gutem Sinne, muß auch einem Wissenschaftler eignen, wenn er sich seinen Forschungen widmet - jedenfalls die kühne Entdeckungs- und Beutefreude.
- 33 Bernd Eberstein (4)
Ein Schriftenverzeichnis dient allen möglichen Zwecken. Manchmal dokumentiert es das Leben eines Wissenschaftlers, zumindest sein wissenschaftliches Leben. Die Gastfreundschaft von Bernd Eberstein erlaubte jedoch auch öfter Einblicke in die privaten Hintergründe seines Lebens. Gut hamburgisch mag man seine Lebensumstände nennen, und so gehört auch die Pflege von Sportarten, meistens angelsächsischen Ursprungs, dazu. Auch diese Facetten seiner Privatheiten lassen sich dokumentieren. Unbekannt ist jedoch den meisten, die ihn kennen, daß er sich auch in mehreren Bereichen der öffentlichen Wohlfahrt engagierte - wie das zum Selbstverständnis eines Hamburgers gehört.
- 34 Bernd Eberstein (5)
Forschungen geraten nie an ein Ende, und so griff Bernd Eberstein neben den Ausweitungen seiner Interessengebiete gelegentlich auch ältere Ansätze wieder auf und legte die Ergebnisse seiner Nachforschungen bei einem geeigneten Anlaß vor - so über den Literaturnobelpreisträger von 2000, den in Frankreich lebenden Gao Xingjian, der zunächst als Dramatiker bekannt wurde. Zwei Jahre darauf, bei den Hamburger China-Wochen 2002, stellte er am 16. September 2002 einer weiteren Öffentlichkeit vor, daß das erste Handelsschiff aus China bereits im Jahre 1731 in den HH-Hafen eingelaufen war - und welche internationalen Verwicklungen das heraufbeschwor. Das wußte er mit all diesen Einzelheiten noch nicht, als er 1988 sein Buch über die Hamburger Chinabeziehungen vorlegte. Aber das gehört zum Wesen der Wissenschaft: Eine Forschung regt eine nächste an, wenn sie denn gehaltreich war.
- 35 Bernd Eberstein (6)
Aus Anlaß des 60. Geburtstages von Bernd Eberstein richtete die ChinA am17./18. .10.2002 eine öffentliche Tagung zum Thema "Die Herren des Pazifik. Hamburg und das Greater China" aus. Generalkonsul Chen Jianfu sprach zur Eröffnung der Tagung, und der Reeder Nikolaus W. Schües, bis kurz davor Präses der Handelskammer, hielt ein Grundsatzreferat über die China- und Asienstrategien der Handelskammer für die Zukunft. Weitere namhafte Referenten aus Wissenschaft und Politik würdigten nicht nur das bisherige Werk von B.E., sondern wurden auch durch ihre weiteren Ausführungen dem hamburgorientierten Teil seiner wissenschaftlichen Interessen gerecht.
- 36 Gastprofessor Huang P'ei-jung
Nicht nur zu Universitäten der VR China unterhalten ChinS und ChinA förderliche offizielle Beziehungen, so auch mit der National Taiwan University, der bedeutendsten Universität der Republik China auf Taiwan. Aus naheliegenden Gründen lassen sich solche Beziehungen nach dort oft leichter gestalten als zu Institutionen auf dem Festland. Im Rahmen einer solchen Vereinbarung weilte Prof. Huang P'ei-jung im Jahre 2000 für einige Monate am ChinS, um zu lehren und zu forschen. Solche Aufenthalte sind angesichts der hierzulande geringen Personalausstattung der Seminare oft mit großem persönlichem Aufwand verbunden. Prof. Huang wurde hier von Dr. D. Schaab-Hanke betreut, die ihrerseits ein Semester lang in Taipei lehrte. Huang P'ei-jung verabschiedete sich aus HH mit einem aufschlußreichen Vortrag über zahlenmystische Hintergründe im Werk des größten chinesischen Geschichtsschreibers.
- 37 Gastprofessor Zhan Ru (1)
Seit Oktober 2003 weilte der buddhistische Mönch und bedeutende buddhologische Gelehrte Zhan Ru (* 8. Juni 1964) als Gastprofessor an der ChinA. Mittel des DAAD und der Numata-Stiftungsprofessur hatten diesen Aufenthalt ermöglicht. Nach dem Magisterexamen 1992 in Xiamen und der Promotion 1997 bei Jiang Boqin an der Zhongshan-Universität Guangzhou war Zhan Ru schnell auf eine Professur an der Peking-Universität berufen worden. Zwischenzeitlich war er zu Studien- und Forschungsaufenthalten in Japan, Paris und Bombay gewesen. Seine hohe wissenschaftliche Qualifikation ist auch als Mitherausgeber wichtiger buddhologischer Zeitschriften und Schriftenreihen gefragt. So brachte er nicht nur die Fülle seines Wissens mit nach HH, sondern sorgte auch für bedeutende Buchspenden für die Bibliothek der ChinA.
- 38 Gastprofessor Zhan Ru (2)
Die Lehrveranstaltungen von Zhan Ru zogen einen kleinen Kreis hoch interessierter Studierender an. Zunächst mußte jedoch eine sprachliche Verständigungsbasis gefunden werden. Meistens war die Basis dann das Chinesische; und die älteren Studierenden übersetzten manchmal für die jüngeren. Als Zhan Ru wieder nach China zurückkehren mußte, richtete die ChinA ihm eine kleine Abschiedsfeier aus - eine akademische, aber doch eher buddhistisch-heiter gestimmt. Seine Studenten hatten für Zhan Ru sogar eine kleine Gedenkschrift vorbereitet, die dieser gerührt entgegennahm. Inzwischen hatte er die deutsche Sprache so gut gelernt, daß er seine Dankrede in dieser vortragen konnte.
- 39 Professoren-Unterschriften
Für die Graphologie muß sich niemand interessieren, doch manchen Unterschriften lassen sich desungeachtet einige Betrachtungen widmen. In einem Professoren-Dasein fallen alle möglichen brieflichen Kontakte mit Kolleginnen und Kollegen an. Während deren Anlässe oft schnell in Vergessenheit geraten, erinnern die Unterschriften viel länger an die Menschen, die sich eine in der jeweiligen Form ausgeprägte Unterschrift zulegten - was immer die Hintergründe ihres Duktus ausmacht. Auch diese kleinen Erfreulichkeiten eines professoralen Dienstlebens werden bald vergangen sein. Eine Mail-Anfrage des hochgeschätzten Kollegen Harro von Senger war unlängst mit "von Sengerbes unterschrieben. Vielleicht wird ein Empfänger künftig auch solchen Unterschriften nachsinnen.
- 40 Chao Jung-lang (1)
Chao Jung-lang (* 25. 03. 1922, † 31. 12. 1998) wirkte lange Jahre am ChinS als Lektor für den chinesischen Sprachunterricht: vom 01. 11. 1955 bis zum 28. 02. 1987. Als Wolfgang Franke nach einem solchen Lektor suchte, sah er unter den wenigen in Deutschland lebenden Chinesen keinen geeigneten Kandidaten. Unter den Gegebenheiten des Kalten Krieges war unmöglich, jemand aus der VR China nach Hamburg zu holen. Da empfahl ihm der weltbekannte Gelehrte Tung Tso-pin, der in der Republik China auf Taiwan lebte, einen vielversprechenden jungen Wissenschaftler - eben Chao Jung-lang. Dieser stammte aus einer Gelehrtenfamilie in Anhui, die in der Ch'ing-Dynastie in vier aufeinanderfolgenden Generationen Gelehrte der Hanlin-Akademie hervorbrachte.
- 41 Chao Jung-lang (2)
Auch nachdem sich W. Franke für Chao Jung-lang entschieden hatte, ließ sich dessen Dienstantritt in HH erst nach langwierigen Schriftwechseln erreichen. Auf Taiwan herrschte noch das Kriegsrecht, mit einem Reiseverbot, und auch die Bundesrepublik Deutschland war weit davon entfernt, selbständig handeln zu können. Die Währungen waren nicht frei konvertierbar, und die Schiffahrtslinien von Ostasien führten noch nicht bis Hamburg, sondern endeten in Mittelmeerhäfen wie Genua oder Marseille. Für eine solche Reise wurden in der Regel fünf bis sechs Wochen benötigt, und für die notwendigen Papiere waren meistens die Vertretungen beider Länder in Paris zuständig. Viele Briefe und Telegramme, seinerzeit das schnellste Mittel der Kommunikation, waren notwendig, bevor Chao Jung-lang in HH eintraf.
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Bis Chao Jung-lang im Jahre 1976 sein Lehrbuch "Chinesisch für Deutsche" veröffentlichte, wurde der Chinesisch-Unterricht anhand von englischsprachigen Lehrwerken, aus den USA oder der VR China, gestaltet, oder die jeweiligen Lehrkräfte unterrichteten anhand von selbstgefertigten Unterrichtsunterlagen. Derlei brachte erhebliche Nachteile mit sich. So wurde "Chinesisch für Deutsche" sogleich das Standard-Lehrbuch an deutschen Universitäten, denn dank seiner vorzüglichen Beherrschung beider Sprachen paßte Chao es den besonderen Bedürfnissen deutscher Lernender an. - Weniger bekannt ist eine andere Seite seines Wirkens: Er schrieb kurze chinesische Theaterstücke und ließ sie bei geeigneten Gelegenheiten durch die Studierenden aufführen - auch das kleine, mit viel Didaktik konzipierte Lehrwerke. Ein Bruder von ihm war ein berühmter Darsteller von Peking-Opern.
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Nachdem Jung-lang Chao in den Ruhestand versetzt worden war, richtete ihm das ChinS die größte Abschiedsfeier seiner Geschichte aus. Sie fand in Schloß Reinbek statt, denn in Reinbek hatte Chao sich ein Haus gebaut. Sogar der schon hochbetagte Wolfgang Franke war zu dieser Feier im Juli 1987 angereist, erst recht viele ehemalige und gegenwärtige Studierende, denen Chao zunächst die ersten Wörter im Chinesischen beigebracht hatte. Später erteilte er ihnen eher Einzelunterricht, wenn sie Fragen bei der Vorbereitung ihrer Seminar- und Examensarbeiten hatten. Aus der Fülle seiner sprachlichen und kulturellen Kenntnisse antwortete er dann, doch wenn diese Fülle nicht ausreichte, gab er nie leichthin eine Antwort. Das war dann auch für ihn ein Problem, das manchmal lange Nächte in seinem häuslichen Arbeitszimmer beanspruchte, bis er eine Antwort fand.
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Ein umfangreiches Festprogramm rahmte die Abschiedsfeier für Chao Jung-lang in Schloß Reinbek ein, von gegenwärtigen Studierenden gestaltet. Musikalische Darbietungen und eine theatralische "Sprechfuge" in der Tradition der Theaterstücke von Chao waren Teile dieses Festprogramms, wie er es wohl mochte. Da er trotz aller bescheidenen Zurückhaltung auch humorvoll war, ließ er sogar einen unerwarteten Konfettiregen über sich ergehen. Auch einige Reden waren unerläßlich. Unter anderem sagte Hans Stumpfeldt, Geschäftsführender Direktor des ChinS: "Der Gelehrte lebt für seine Schüler, der Gelehrte lebt durch seine Schüler, der Gelehrte ist ein Schüler." Das hatte Cbao Jung-lang vorgelebt.
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Der Stapel Papiere, der von diesen Nachfolgeregelungen blieb, hat eine Höhe von fünf Zentimetern. Das ist eine Freude, ihn jetzt zu beseitigen! - In umsichtiger Weise hatte Chao Jung-lang über Jahre hinweg Persönlichkeitcn, die er als geeignet ansah, als Kandidaten für seine Nachfolge vorbereitet, indem er sie in unterschiedlichen Funktionen an seinem Unterricht beteiligte: Cheng I-ching (* 03. 12. 1951) und Tsai Shang Shen (* 15. 10. 1950), auch schon Wang Yubo (* 19. 04. 1963). Nach Prüfung der eingegangenen 15 Bewerbungen erwiesen sich Frau Cheng und Herr Tsai als die geeignetsten Bewerber - doch dann kamen andere Interessen ins Spiel. Uni-Präsident Peter Fischer-Appelt, der den Sinologen im Grunde wohlgesonnen war, entschied schließlich als Kompromiß, daß grundsätzlich dieses Lektorat durch eine alle zwei Jahre wechselnde Lehrkraft aus der VR China wahrgenommen werden solle. Cheng und Tsai hatten schon zu lange in Hamburg gelebt.




