Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 27
1. Dezember 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
  Frank Münzel

Die Überlebenden

Zum "Grossen China-Lexikon", hrsg. v. Staiger, Friedrich, Schütte,
XX, 974 S., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003


Das grosse China-Lexikon Das "Grosse China-Lexikon will "gesichertes Wissen über das moderne China" vermitteln. Schwerpunkte seien "Staat und Politik, Bildung und Gesellschaft, doch auch Geschichte, Bildung, Literatur und Kunst" seien "gebührend berücksichtigt", hätten sie doch "bis heute zugleich große politische Bedeutung". Zugutegekommen sei dem Lexikon, daß die "zunehmenden Kontakte mit China und die Möglichkeit, im Lande zu reisen, Feldforschung zu betreiben und Wirtschaftskooperation zu pflegen, erstmals seit 1949 eine realistische Beurteilung" ermöglicht hätten (S.VII).
Mit zunehmenden Kontakten mit Chinesen überraschen aber bei realistischer Beurteilung bestimmte Lücken des hier gesicherten Wissens.
Jane Duckett, S.483 ff., beschreibt "Masssenkampagnen". "Ideologische Kampagnen zielten darauf ab, Denk- und Verhaltensweisen zu beeinflussen und zu verändern." Wie denn?
Mit der Landreform (1950-52) "z.B. wollte man die mächtige Klasse der Grundherren und ihre Institutionen auslöschen, indem man das Land an die an die Bauern verteilte." Mächtige Klasse ausgelöscht durch Landverteilung?
Wirtschaftliche Kampagnen sollten "die wirtschaftlichen Institutionen ... verändern und die Produktivität ...steigern. Ein herausragendes Beispiel ist der Große Sprung nach vorn (1957-1960)." Wie wurde die Produktivität da denn gesteigert? Die gleichzeitige Anti-Rechts-Kampagne (1957) wurde benutzt, "um Kritiker der KPCh zum Schweigen zu bringen, v.a. Intellektuelle, von denen einige bis zu zwanzig Jahren in den Gefängnissen saßen." Einige? Wieviele? Warum?
Gegen Ende der Kulturrevolution blieben "für den Großteil der Bevölkerung ... die Zielsetzungen dieser Kampagnen häufig unklar und erzeugten wenig echten Enthusiasmus oder Massenbeteiligung." Ja wieso das denn?

Fragen, Fragen. Da freut man sich über Einzeldarstellungen.

Zum Vorspiel des Großen Sprungs berichtet Frederick C. Teiwes S.320 f.: Mao habe Februar und März 1957 die "Hundert-Blumen-Bewegung" wieder in Gang gebracht, dabei allerdings "den verhängnisvollen Schritt" getan, "außerparteiliche Intellektuelle aufzufordern, sich an der Ausrichtung der Par-tei zu beteiligen." Der "Ausbruch der Kritik rüttelte die Parteiführer auf", zwar sei sie so bös nicht gewesen, aber ihr "Umfang" habe sich "doch äußerst negativ auf die Moral der Kader" ausgewirkt; sie "erschwerte die konkrete Parteiführung;" ihr Übergreifen "auf Universitäten und Mittelschulen" müsse "Mao und seine Mitarbeiter schockiert haben, da es sich hier um die Generation handelte, die unter der Herrschaft der Partei aufgewachsen war." (Aufgewachsen? In den sieben Jahre seit der Staatsgründung?) So wurden "mehr als 400.000 Personen ... 1957 und bis hinein ins Jahr 1958... als Rechtsabweichler gebrandmarkt, bekämpft und in vielen Fällen zu Umerziehung durch Arbeit verurteilt." Die "Erfahrung des Frühjahrs hatte die Parteiführer unsicher werden lassen hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Intellektuellen". So schlug, schreibt Karl-Heinz Pohl (S.336), die Hundert-Blumen-Bewegung in die Anti-Rechts-Kampagne um, "da sich die Intellektuellen in ihrer Kritik am System nicht mehr zurückhielten". Die Bösen! Was hatten sie überhaupt zu kritisieren?
Die "Zweifel an der Zuverlässigkeit der Intellektuellen, die eigentlich für eine Schlüsselrolle in der Wirt-schaftsentwicklung vorgesehen waren", schufen, so Teiwes, "objektive Bedingungen für eine neue Herangehensweise", für den Großen Sprung nach vorn (S.274 ff.). Doch erst Mao setzte Anfang 1958 "rasches Vorwärtsstürmen" durch, verlangte ab Herbst 1958 bis Sommer 1959 aber "langsamer treten", mehr Realismus, ging dann in Lushan jedoch schonungslos gegen Rechtsopportunismus vor, es kam zu "einer Hungersnot riesigen Ausmaßes" (Steigerung der Produktivität?), bis Mao "die Lähmung beendete, indem er die Probleme anerkannte". Ein großer Mann in seinem Widerspruch! - Was dachte er sich eigentlich bei alledem?
Das Mao-Zedong-Denken, erklärt uns Stuart Schram als Fachmann dafür (S.475 f.), schwankte zunächst zwischen gemäßigten und radikalen Maßnahmen, radikal in der "Gedankenreform" (1950/1 und Kampagne gegen Hu Feng), gemäßigt und versöhnlich im ursprünglichen Text der "Widersprüche im Volk", dann wieder durchweg radikal und radikaler, wobei er aber fast nur noch die Dynastie-Historien las...
Wie war's denn nun wirklich?
Gelegentlich finden wir Konkreteres. Zu den "Grundherren": Nach Aubert (Landwirtschaftspolitik, S.424 f.) besaßen "Grundherren" im Schnitt 10 ha, bearbeitet meist von Erbpächtern; 5 Mio. Grundherren wurden ermordet, an ihre Stelle traten die Kader der KP. (So also wurde die "mächtige Klasse ausgelöscht".) Nach Domes (S.833) wurden nicht 5, sondern zehneinhalb Millionen Grundherren ermordet, daneben bis zum Herbst 1952 zwei Millionen Anhänger des alten Regimes. Die "Säuberung von Konterrevolutionären" (Sufan sufan), Jane Duckett nicht einmal der Erwähnung wert, liquidierte nach Domes 81000 Menschen. Und "einige Intellektuelle", die "bis zu 20 Jahren in den Gefängnissen saßen"? Nicht im Gefängnis, sondern in Arbeitslagern schufteten nach Domes 20 Jahre später noch knapp eine Million. Im Großen Sprung sind nach Domes 30 bis 50 Millionen verhungert. Warum? Domes deutet das nur an: Die Kampagnen (der "Große Sprung", die Bildung der Volkskommunen) "bahnten den Weg". Wie? Hier müssen wir das Große China-Lexikon ergänzen: Erst versprach man mit Einführung der Volkskommunen den Kommunismus, ließ die Bauern das Saatgut verzehren und alle Kraft auf die wahnwitzige lokale Stahlerzeugung verschwenden, dann verlangte man von ihnen zehn- bis fünfzigmal soviel, wie der Boden hergeben konnte; Beamte, die nicht entsprechende Erfolge versprachen, dann meldeten und den Bauern demgemäß das letzte Korn abpreßten, waren "Rechte", mußten für sich und ihre Familie mit dem Schlimmsten rechnen. Mit solchen zentralen Weisungen trieb Mao sehenden Auges das Land in die Katastrophe, von den hohen Parteiführern wagte nur Peng Dehuai ihn zu kritisieren, entsetzt von dem, was er bei einer Rundreise gesehen hatte. Statt von Hungersnot spräche man be sser von Völkermord. Domes tut das nicht, in diesem Lexikon überrascht sein Artikel mit seinen klaren und konkreten Angaben auch so. Nur Schoenhals (S.410 ff.) nennt (zur Kulturrevolution) ebenfalls Opferzahlen, vergißt wohl als einziger auch die Abertausende in den Selbstmord Getriebenen nicht. Freilich begannen die Selbstmorde nicht erst mit der Kulturrevolution. Der alte Shanghaier Juraprofessor He Jixiang erwähnt 1 die vielen Selbstmorde schon derer, die in der Drei-Anti-Kampagne (1950/1) "hinterzogene Steuern" - in Shanghai bis in ferne Vergangenheit zurückgerechnet - nicht bezahlen konnten und von Hochhäusern sprangen. Shanghais Bürgermeister Chen Yi soll allabendlich gefragt haben, wieviele Fallschirmjäger es heute gegeben habe. Jede weitere Kampagne trieb dann mehr Menschen in den Tod.
- Duckett meint dazu, S.484, nur: "Vielfach wurden die Kritisierten in 'Kampfsitzungen' verbalen und manchmal auch physischen Angriffen ausgesetzt."
Opfer waren aber nicht allein die "manchmal auch" Verprügelten und die Toten.
Heilmann (S.393) bezeichnet den Klassenkampf als eines der "wichtigsten Herrschaftsinstrumente" der KP, in "nicht abreißenden Kampagnen" benutzt, um die Gesellschaft von "'Klassenfeinden' (Grundbesitzern, Privatunternehmern und sämtlichen politischen Gegnern der KP)" zu säubern. Noch die heute geltende Verfassung (Einleitung Absatz 8) erklärt, die Ausbeuterklassen seien als Klassen ausgelöscht, jedoch werde "der Klassenkampf in bestimmtem Umfang noch lange Zeit weiterbestehen". Woher kamen dann, im nicht abreißenden Klassenkampf, kommen womöglich immer noch die Klassenfeinde?
Christiansen (S.70 f.) beschreibt, wie das begann: Maos "Klassenanalyse" unterteilte die Bauern nach ihrem Vermögen in mehrere Klassen; wer nach der Bodenreform geboren wurde, erbte die Klassenzugehörigkeit seiner Eltern. Das hatte für "Grundherren" und "reiche Bauern" schreckliche Folgen. Viele Revolutionäre verstanden das aber nur als "Übergangsmaßnahmen", bis die "Eigentumsordnung", die "Produktionsbeziehungen umgestaltet" waren, "Ausbeutung" nicht mehr möglich war. 1956 war die Wirtschaft "sozialistisch umgestaltet", daher erklärte Liu Shaoqi damals namens des ZK, jetzt seien die "Ausbeuterklassen" liquidiert, den Grundherren usw. werde nun erlaubt, als neue Menschen mit neuer Klassenzugehörigkeit, als Gleiche unter Gleichen, in die Genossenschaften einzutreten; auch die Umgestaltung der städtischen Kapitalisten sei in vollem Gange und die Diktatur des Proletariats jetzt in Wirklichkeit demokratische Herrschaft eines Bündnisses aller arbeitenden Klassen, nicht nur der "Proletarier".2
Mao sah das anders. In den (1957) letzten "6, 7 Jahren sind die kapitalistische Eigentumsordnung und die Eigentumsordnung der Kleingewerbetreibenden im wesentlichen sozialistisch umgestaltet worden. Aber bei den Menschen, obwohl sie auch ein bißchen umgestaltet worden sind, ist das anders."3 "Für die gründliche sozialistische Revolution brauchen wir eine politische und eine ideologische Front",4 also den "fortwährenden Klassenkampf", denn "wenn der Ostwind nicht den Westwind unterdrückt, dann unterdrückt der Westwind den Ostwind".5 Also brauchte man ständig weiter Klassenfeinde. Deshalb war die Klassenzugehörigkeit erblich, und Verwandte und Freunde entlarvter Klassenfeinde, deren Verwandte und Freunde und so fort waren natürlich auch als Klassenfeinde verdächtig. Doch das reichte nicht. Man mußte immer neue Klassenfeinde finden. Wo?
"Wer Jude ist, bestimmen wir", soll Göring gesagt haben, als man einen erfolgreichen Luftwaffengeneral bei ihm als Juden denunzierte. Wer jeweils Klassenfeind war, bestimmten Mao und seine Gefolgsleute: Grundherren, reiche Bauern, Kapitalisten, Konterrevolutionäre, Rechte, Rechtsopportunisten, Machthabern auf kapitalistischem Weg, usw., bis hin zu simplen "schlechten Elementen" und gegen Ende der Kulturrevolution den "stinkenden alten Neun", den Gebildeten allgemein.
Gegen sie ging es eigentlich von Anfang an. Denn die meisten von ihnen begriffen nicht rasch genug, was an ihrem Denken zu ändern war: ihre Vorstellung von der Rolle ihres Wissens. Sie wollten ganz naiv dem Lande mit ihrem objektiven Wissen dienen. Mao aber unterschied schon 1942 "Wissen über die Produktion" und "Wissen über den Klassenkampf"; objektives Produktionswissen war für ihn wertloses "Buchwissen", es gab für ihn eigentlich gar kein objektives, vom Klassenkampf unabhängiges Wissen. 6 Als sein alter Freund, der Neokonfuzianer Liang Shuming 1953 auf einer Versammlung kritisierte, man presse die Bauern aus, um die Industrie zu fördern, beschimpfte Mao ihn unflätig und befahl eine Kampagne gegen Liangs reaktionäres Denken. Das war nicht nur marxistische Tradition. In "China von der Struktur seiner Gesellschaft her gesehen" sah der große Soziologe Fei Xiaotong 1947 ebenfalls zwei Arten von "Wissenden": Wer über Getreide Bescheid wisse, baue es an. Wer Regeln und Riten kenne, der esse es. Der eine arbeite, der andere herrsche.
Das war selbst "objektiv", also unmarxistisch ausgedrückt, Soziologie wurde daher Anfang der 1950er Jahre abgeschafft, aber es blieb dabei, der Herrscher herrschte auch über das objektive, das "Produktionswissen", das sich dem jeweiligen Stand des "Klassenkampfs" anzupassen hatte. Liang hatte 1953 mit der Landwirtschaft freilich Pech. Richtige Agronomen traf es erst 1958/9, wenn sie es nicht über sich brachten, des großen Sprungs erstaunliche, wenn auch erlogene Erfolge zu preisen. Noch 1957 stufte die Anti-Rechts-Kampagne als "Rechte" (diese Art von Klassenfeinden hatte man für diese Kampagne neu erfunden) zunächst nur Agrargenetiker ein, da man die reaktionär idealistische Natur der Genetik festgestellt hatte; was brauchte man Fachleute für die Züchtung von Zuckerrohr (Prof. Lin Kongxiang), Seidenraupen (Prof. Jiang Tongqing), Kartoffeln (Sheng Jialian), Sojabohnen (Xu Bao)!7 (Das bewahrte allerdings Yu Loke, der in der Kulturrevolution die Diskriminierung der Kinder von "Grundherren" als "revisionistische Klassengenetik" kritisierte, nicht vor der Todesstrafe für solche unklassenkämpferische Folgerichtigkeit.)8 1957 waren erst mal vor allem die Geisteswissenschaftler dran, insbesondere die Juristen. "Im Kampf zum Schutze der sozialistischen Rechtsordnung", berichtet Wu Defeng,9 war die Justiz bereits 1950/1 gründlich gesäubert worden. Auch Juristen, die, angewidert von Korruption und Grausamkeit des alten Regimes, sich volksnah und begeistert der neuen Ordnung zugewandt hatten, mußten, wie Xie Huaishi (1944 Chinas bester Jura-Absolvent, zeitweise jüngster Richter, dann Professor für Zivil- und Zivilprozeßrecht in Shanghai), sich zunächst einmal umerziehen lassen. (Die Umerziehungsanstalt in Peking wurde dann Zentrale Hochschule für juristische Kader und Xi e dort Lehrer.) Das nützte aber alles nichts. Wus Artikel zeigt, wie richtig Teiwes im Großen China-Lexikon die Situation von 1956/7 darstellt: Hunderte von Juristen starteten 1957 "wahnwitzige Angriffe auf unsere Partei, auf unser sozialistische Rechtsordnung", so Wu. Denn sie hatten nicht verstanden, nein, wollten nicht verstehen, daß Recht das Werkzeug der herrschenden Klasse war, des Proletariats. Daß diese Klasse sich immer noch und immer wieder der offenen und viel gefährlicher der versteckten Angriffe des Klassenfeindes zu erwehren hatte - wie jetzt eben der Rechten, die sich in die Justiz eingeschlichen hatten. Daß daher die Rechtsordnung zum eignen Schutze kein Erbarmen kannte, unter der festen Führung der Partei zuschlagen mußte und immer wieder zuschlagen. Gegen giftiges kapitalistisches Unkraut wie die Unschuldsvermutung, wie den Satz nulla poena sine lege, wie überhaupt die Forderung nach umfassender Gesetzgebung - man hatte doch schon Bände davon, wie z.B. die schön vagen Regeln gegen Konterrevolutionäre! Gegen jene - für Mao stets die übelsten Verbrecher -, die wie Xie Revision der "Fehlurteile" vergangener Kampagnen forderten, gar wie Luo Longji eigene Kommissionen überall für solche Revisionen! Gegen Schurken, die eine unabhängige Justiz verlangten, also von der Partei unabhängige Königreiche aufbauen wollten! Die beim Überprüfungsministerium (einem Vorläufer des Rechnungshofs) Buchhalter und Techniker und entsprechende Kurse anstelle politischer Schulung vorschlugen, auch für die dorthin beorderten alten Revolutionäre! Fachwissen über den Klassenkampf stellten!10
Kurz, die nicht begreifen wollten, daß es keine "objektive" Jurisprudenz außerhalb des Klassenkampfes gab, daß daher die sozialistische Rechtsordnung etwas "wesentlich anderes" war als die kapitalistische: Als Waffe des Proletariats schützte sie die Demokratie, aber nicht die kapitalistische Demokratie. Die kapitalistische Demokratie diente der kleinen Handvoll Kapitalisten. Die proletarische Demokratie diente den Volksmassen. Deshalb befolgte das proletarische Recht die Massenlinie. Seine Juristen waren in den Massenversammlungen der Kampagnen gestählt, wo sie unter der Führung der Partei brüllend den Tod dieser und jener Feinde verlangten und bekamen. Die Rechten wollten dagegen nun tatsächlich die "Demokratie" der Konterrevolutionäre schützen! Der renommierte Jurist Yang Zhaolong wagte es zu verlangen, man solle gegen Konterrevolutionäre nach der Verfassung vorgehen, Paragraph für Paragraph nach dem Gesetz!11 Huang Shaohong (Vizepräsident der Militärkommission) entblödete sich nicht, unter Verweis auf Ungerechtigkeiten und Greuel der Massenkampagnen, die er mit eigenen Augen gesehen, zu fordern, man solle Konterrevolutionäre (wie eine Shanghaier Medizinstudentin, die erklärt hatte, die deutsche und die japanische Medizin seien besser als die sowjetische) nach dem Recht behandeln!12 Und damit die Gerichte Grundlagen für ihre Entscheidungen hatten, verlangten alle, alle diese Wahnwitzigen den Erlaß von Gesetzen (Strafgesetz, Zivilgesetz, Prozeßordnungen). Yang Shaolong ebenso wie Tan Tiwu,13 Xie Huaishi (der doch Yangs Geschichtsverständnis gerade scharf kritisiert hatte, nun aber erklärte, Grund der mangelhaften Gesetzgebung sei die falsche Einstellung der Führer!) ebenso wie Wang Zaoshi (einst Anwalt, einer der "Sieben Edlen", die 1937 von den Guomindang-Beh&ou ml;rden verhaftet worden waren, weil sie für die KP eingetreten waren; Wang wage zu behaupten, die Massen verstünden nichts vom Recht, Gesetzgebung brauche Juristen, entsetzt sich ein Kollege)14 oder Zhang Yingnan im Rechtsbüro des Parlaments.15 Mei Ru, einst Chinas Richter beim fernöstlichen Kriegsverbrechertribunal in Tokyo, nun Berater des Außenministeriums, verlangte gar, die Partei solle dem Parlament wirkliche Funktionen überlassen!16
Das alte Rechtsdenken war bei den Juristen unausrottbar (war es tatsächlich: heute sind alle die rechten Juristen längst rehabilitiert), und so wurde nun ein Großteil von ihnen als Rechte entlarvt: angefangen vom Rektor der Zentralen Hochschule für juristische Kader, Qian Duansheng, dem Begründer der chinesischen Politologie und einer tief durchdachten realistischen Theorie der Menschenrechte ("Menschenrechte" blieb dann bis Anfang der 1990er Jahre ein Unwort)17 über zahlreiche Professoren, wie, um nur zwei zu nennen, die Koryphäen Wang Tieya (Völkerrecht) und Han Depei (Internationales Privatrecht), bis hin zu den Praktikern: 9% der Pekinger Justizjuristen = 83 Personen, darunter der Vorsitzende des Strafsenats des Obersten Gerichts, die Direktoren des Gerichts der Ober- und der Mittelstufe, Leiter und stellvertr. Leiter der Justizbehörde; in den Provinzen war es ähnlich. Betroffen waren gewöhnlich Fachjuristen, ausgebildet noch vor der Staatsgründung. Viele waren Parteimitglieder. Wahrhaft ein wahnwitziger Angriff! Aber warum? Dies war, wie gesagt, bei weitem nicht die erste Säuberung, gerade bei den Juristen nicht. Warum waren die Wahnwitzigen nicht gewarnt, warum hatten sie nicht längst ihre "Denk- und Verhaltensweisen" geändert und weiter den Mund gehalten?
Weil, angefangen mit Zhou Enlais freundlichem "Bericht über die Intellektuellenfrage" (Januar 1956), die Partei und insbesondere Mao persönlich die verängstigten Intellektuellen zur Kritik gedrängt, ja getrieben hatten. Mao zunächst mit der "ersten gemäßigten Fassung" (Schram) der Widerspruchsrede, und als das kaum Kritik produzierte, mit Reden, Einladungen und persönlichen Gesprächen, bei denen er immer wieder versicherte, man erhoffe Kritik und sei dankbar dafür, niemand brauche Weiterungen zu befürchten. Die Verfassung gebe Rederecht, es müsse nicht weniger, sondern mehr gesagt werden, erklärte er auf einer Versammlung von Leitern provinzieller Propagandaabteilungen im März 1957, und am 18.3.1957 in Jinan: "Jetzt gibt's keinen Klassenkampf, jetzt geht's um Widersprüche im Volke"; am 11.4.1957 lud er ein Dutzend berühmter Professoren - u.a. die Philosophen Feng Youlan und He Lin, den Soziologen Fei Xiaotong - zu einem Essen in seinen Palast, fragte sie aus und drängte sie, auch öffentlich zu sagen, was sie zu kritisieren hatten, es werde ihnen nicht schaden. Andere Parteiführer folgten Maos Vorbild. Zhou Enlai bat am 27.3.1957 Wang Zaoshi zum Abendessen, legte ihm persönlich vor, sprach mit ihm über Wangs Kritik an der "Sufan"-Säuberung und versicherte ihm, er brauche sich keine Sorgen zu machen, er habe stets korrekt gehandelt. (D.h. auch, als Wang während des Kriegs in einem offenen Brief an Stalin kritisierte, daß Stalin die Grenzen von "Mandschukuo" garantiert hatte. Dieser Brief war als antisowjetisch verurteilt worden.) Wang bedankte sich in einem überschwenglichen Brief. Den berühmten Juristen Yang Zhaolong, der schon von sich aus schüchterne Kritik gewagt hatte, bat der Shanghaier KP-Führer zum Gespräch und lobte ihn, der Leiter der Propagandaabteilung des ZK, Lu Dingyi, lud ihn zu einer Versammlung ein, wo e r eine gewagtere Rede hielt, und Shanghais bedeutendste Zeitung überredete ihn, die Rede dort zu veröffentlichen.18
Doch schon am 15.5.1957 analysierte Mao ("Die Umstände ändern sich gerade") parteiweit intern die üblen Machenschaften der Rechten,19 am 8.6.57 rief er dazu auf, "die Kräfte zum Gegenangriff gegen den wahnwitzigen Angriff der Rechten zu organisieren". Der Aufruf wurde als internes "Dokument der Zentrale" sofort im ganzen Land verbreitet, die Renmin ribao veröffentlichte drei entsprechende Artikel. So sehr hatte Mao der wahnwitzige Angriff gerade derer "aufgerüttelt", die "eigentlich für eine Schlüsselrolle in der Wirtschaftsentwicklung vorgesehen waren" (Teiwes). Tatsächlich?
Tatsächlich ist nicht vorstellbar, daß die Kritik Mao überraschte, nachdem er sich mit den Kritikern vorweg unterhalten hatte. Tatsächlich hatte zu einem Hauptpunkt der Kritik, den Greueln der "Sufan"-Säuberung, sich der Polizeiminister Luo Ruiqing schon auf einer nationalen Justizkonferenz im Juli 1956 ebenso geäußert, ja gesagt, die von Huang Shaohong angeführten Fälle repräsentierten bei weitem noch nicht den Ernst der Fehler dieser Kampagne. Tatsächlich hatte schon im September 1956 Liu Shaoqi als Sprecher des ZK auf dem 8. Parteitag den Klassenkampf für beendet erklärt, und die Verfassung, deren Einhaltung viele Kritiker verlangten, galt schon seit 1954.
Tatsächlich hatte Mao vor der "wahnwitzigen" Kritik der "Rechten", schon im Januar 1957, auf einer Versammlung der Parteisekretäre aller Provinzen, erklärt: "In allen Provinzen und Städten müssen große Massenversamlungen abgehalten werden, mit Reden, Diskussionen, der Kampf muß entfaltet werden, sehn wir, wer siegt... Wenn sie den Arsch voll haben, sollen sie furzen, furzen sie nicht, so ist das für uns nicht gut, furzen sollen sie, daß alles den Gestank riecht. Die Gesellschaft wird aufgespalten, wir erkämpfen uns die Mehrheit, der stinkt das, und die stehen dann allein. ... Man muß den Aufruhr nicht fürchten, je wüster es hergeht, umso besser... Wo es Eiterbeulen gibt, da sind Bakterien. Das muß ausbrechen: in großen Provinzen 50.000, mittleren 30.000, kleinen 10.000; bereitet den Aufruhr vor; am Jahresende wird abgerechnet." 20 26 Provinzen mit im Schnitt 30.000 Bakterien, machte für das ganze Land eine dreiviertel Million "Rechter".
Aber man mußt doch die "Moral der Kader" vor den "Intellektuellen" schützen? Anfang Juni 1957, die Anti-Rechts-Kampagne hatte gerade begonnen, sprach Peng Zhen, Mitglied des Politbüros, Pekinger Parteisekretär, zwei Stunden vor einer Versammlung aller Parteikomitees Pekinger Hochschulen: Parteimitglieder sollten sich nicht irritieren lassen! Die Kampagne richte sich gegen Reaktionäre, die unter dem Deckmantel der Kritik die Partei von der Macht verdrängen wollten. Aber Kritik der eigenen Leute brauche die Partei mehr denn je, ehrliche heftige Kritk aller Übelstände, denn vieles liege im Argen, und wenn wer mal was Falsches sage, tue das auch nichts. Drinnen (in der Partei) sei nicht draußen ... Folgeveranstaltungen forderten dann nochmals parteiinterne Kritik an. Das brachte nun auch Kader zum Reden, die aus Parteidisziplin während der "100 Blumen" geschwiegen hatten. Wie Xinhua-Journalist Dai Huang, der wunschgemäß auf einer dieser Folgeveranstaltungen erklärte, am gefährlichsten seien in Partei und Staat jetzt Idolisierung und Privilegierung. Damit war auch bei der Xinhua ein großer Sieg errungen: die rechte Schlange Dai aus ihrem Loch gelockt! 21 So kam auch bei den Kadern "das Fleisch von selbst zum Metzger".
Kurz, den Anlaß zur Anti-Rechts-Kampagne hatte Mao selbst produziert, die Zahl ihrer Opfer vorhergeplant. (Seine Planzahlen verteilte man dann auf Behörden, Fakultäten usw. als Quoten für die Zahl zu denunzierender Rechter unter ihren Mitarbeitern.) Insbesondere die Juristen hatte Mao damit erledigt, gründlicher noch als vorher die Soziologen. Es erschienen kaum noch juristische Bücher, bald nur noch eine juristische Zeitschrift, die auch nur bis 1964. Mit ihr endete dann, für fast zwei Jahrzehnte, auch die Veröffentlichung der Gesetzessammlung und das juristische Studium. Mit ihr endeten nicht die Säuberungen, so wenig wie sie damals oder 1957 begonnen hatten: Urbild aller späteren Säuberungen war Maos "Rettungskampagne" in Yan'an, 1942/3, exekutiert von Maos düsterem Schatten: Kang Sheng.
Kang, 1937 zum Leiter der Zentralen Parteischule und 1938 auch zum Leiter der "Gesellschaftsabteilung und Nachrichtenabteilung" des ZK, d.h. zum Geheimdienstchef, bestellt, hatte 1939 mit erpreßten Geständnissen Unschuldiger "drei große Agenten" entlarvt. Zu Beginn des Studienjahrs der Zentralen Parteischule am 1.2.1942 rief Mao die Parteimitglieder auf, ihr falsches Denken zu korrigieren; jeder, der das ehrlich tue, sei ebenso zu retten, wie der Kranke, der sich bei Blinddarmentzündung rechtzeitig an den Arzt wende, und als guter Genosse wieder willkommen.6 Mao leitete die "Zentrale Studienkommission" für diese "Ausrichtung", Kang war sein Vize. Der Sinn dieser Kombination von Studien und Agentenbekämpfung wurde deutlich, als Kang am 15.7.1943 zur "Rettung der Gestrauchelten" aufrief. Viele junge Enthusiasten sahen damals in Yan'an den heiligen Hort der Revolution gegen die korrupte Guomindang, das Zentrum des Widerstands gegen den japanischen Okkupator. Sie schlugen sich nach Yan'an durch, aber laut Kang waren unter ihnen ebenso wie unter den Untergrund-Kommunisten der Guomindang-Gebiete Unzählige bewußt oder unbewußt "Agenten, Verräter, Rebellen, rote Fahne - Parteien (die im Innern weiß die rote Fahne schwenken), schlechte Menschen", gestehen sollten sie, dann werde die Partei sie großherzig retten. Und so gestanden sie, mehr oder weniger freiwillig, bezichtigten sich und bezichtigten, gedrängt, ihre Reue zu beweisen, andere. Den Leitern der Parteiorgane wurden Quoten von weit über 50% der Mitarbeiter gesetzt, die als Agenten zu entlarven waren, sonst waren sie selber als Agenten verdächtig. Hunderte wurden festgenommen. Die Parteiführung rebellierte, bald "wies auch Mao Zedong darauf hin, so vorzugehen sei mit Sicherheit problematisch", ein ZK-Beschluß "zur Überprüfung der Kader" verbot am 15.8. Erp ressung von Geständnissen und "chaotisches Festnehmen, chaotisches Prügeln, chaotisches Töten". Dafür wandte sich Kang nun den "Massen" zu; auf einer zehntägigen Massenversammlung eines Landkreises zur Anklage von Guomindang-Agenten bekannten sich 280 von 2600 Teilnehmern selbst als Agenten, 192 weitere wurden entlarvt... Im Winter 1944 übernahm Mao öffentlich "die Verantwortung für die Probleme dieser Kampagne" und verneigte sich vor Opfern, aber viele Überlebende saßen noch Jahre, 1947 wurden beim Rückzug aus Yan'an über hundert der Verhafteten ermordet. So wurde das Heiligtum der Revolution zum Reich der Angst. ("Trotz solcher Zwangsmaßnahmen wurde bei der Ausrichtung in Yan'an zum größten Teil mit Überzeugungskraft vorgegangen", meint Teiwes dazu im Großen China-Lexikon, S.45.)
Kang hatte Erfahrung, er hatte schon 1934 anläßlich Stalins erster großer Tschistka in Moskau die dortigen Chinesen von angeblichen Gegnern seines damaligen Parteichefs Wang Ming gesäubert. Nach 1949 schaffte Mao das alleine, erst 1958 tauchte Kang wieder auf, zunächst nur, um Mao als "Gipfel des Marxismus" herauszustellen; Kang kam aber rasch wieder ins alte Gleis, zunächst 1962 mit einer Untersuchung gegen Li Jiantong. Li hatte eine Biographie des Generals Liu Zhidan geschrieben, die Kang als indirektes Lob für Gao Gang (Planungschef, 1954 verhaftet, Selbstmord 1955) bewertete. Er stellte fest, bei wem Li ihr Material gesammelt, wer ihr Manuskript gelesen hatte, weitete die Untersuchung auf diese Leute, dann auf alle aus, mit denen sie irgendeine Verbindung hatten, dann auf deren Kontakte, und so fort, jahrelang. Ab 1964 ging er ebenso gegen Parteidialektiker vor, die nicht nur wie Mao "Aufteilung von eins in zwei", sondern auch "aus zweien eins" betonten (denn eins zu zwei bedeute Zwiespalt, Kampf = Revolution, zwei in eins dagegen Kooperation, Eintracht = Revisionismus; ideologisch bereitete das die Kulturrevolution vor), um schließlich als Mitglied der Gruppe Kulturrevolution sein altes Gewerbe in großem Stil betreiben zu können.22
Das Große China-Lexikon erwähnt Kang nur einmal, S. 448, als Dirigenten politischer Literatur dieser Zeit.-
Aber kam es Mao wirklich auf Seidenraupengenetik oder auf das Recht oder auf Große Sprünge in den Hungertod oder auf die Aufteilung oder Vereinigung von eins und zwei oder auf (um nur einige von vielen weiteren mehr oder weniger absurden Kampagnen zu erwähnen) die Kritik an dem klassischen Roman Traum der roten Kammer oder das Tiefpflügen oder das Stahlgießen dort, wo es weder Erz noch Brennmaterial gab, oder Beethovens Kapitalismus (den das Große Lexikon ebenso verschweigt wie die Verfolgung der Interpreten klassischer Musik in der Kulturrevolution) 23 oder den Anbau von Wasserreis in Trockengebieten an? Waren es wirklich "Zweifel an der Zuverlässigkeit der Intellektuellen", die als "objektive Bedingungen" Mao zu einer "neuen Herangehensweise" zwangen, ihn veranlaßten, Dutzende von Millionen in den Hungertod zu treiben? War er dann wirklich ein halbes Jahr lang lobenswert realistisch, ging dann wieder gegen Realisten vor, löste schließlich die Probleme - die er selbst geschaffen hatte?
Klassenfeinde waren Parias, ohne eine Chance auf andere als die niedrigsten Jobs oder gar Zulassung zu Hochschulen, schon Pariakinder wurden auf der Straße lobenswerterweise angespuckt, vom Weg getreten, verprügelt. Manchem Klassenfeind aber wurde auch die "Mütze wieder abgenommen", vor allem wenn er berühmt und wiederverwendbar war. Fei Xiaotong verlor 1949 seinen Lehrstuhl an der Qinghua, wurde aber für "Minderheitenstudien" an die Minderheitenhochschule versetzt, zwar 1957 als Rechter verurteilt, weil er im "Vorfrühling der Intellektuellen" die vorsichtigen Hochschullehrer aufgefordert hatte, selbst zu bedenken und offen zu diskutieren (was "materialistisch = proletarisch = gut" war und was "idealistisch = kapitalistisch = schlecht"), nicht nur in ihrem Fachbereich, auch bei den großen Fragen von Staat und Gesellschaft, und gar noch Freude über die Wiederaufnahme praktischer soziologischer Studien gezeigt hatte,24 aber 1959 rehabilitiert und bei Grenzverhandlungen mit Indien, Afghanistan und Pakistan eingesetzt. (Doch als die ganz unberühmte Journalistikstudentin Lin Zhao 1958, als Rechte aufs Dorf verbannt, mit anderen Studenten ganz im Sinne Feis in einer eigenen Zeitschrift und in Briefen an die Provinzparteileitungen offen diskutierte, was sie sah: daß "auf dem Dorf jetzt die Menschen in großer Zahl verhungern, als direktes Ergebnis des 'Großen Sprungs' und der Volkskommunenbewegung" - wurde sie verhaftet und keineswegs bald rehabilitiert, sondern 1966 erschossen;25 und Zhang Zhixin, ebenso unbekannte junge Mitarbeiterin eines Provinzparteikomitees, die ausgerechnet in einer der "5-7-Kaderschulen" in Kritik am Irrsinn der Kulturrevolution ihrem jugendlichen Feuer freien Lauf ließ, wurde 1969 als aktive Konterrevolutionärin festgenommen und am 3.4.1975 öffentlich hingerichtet, nachdem man ihr die Stimmbänder durchschnitten hatte, damit sie keine "konterrevolutionären Parolen" rufen konnte.)26 Professoren wurden wieder ausgegraben, um Lin Biao als Konfuzianer ordentlich beschimpfen zu können. Sogar der weltberühmte Philosoph Feng Youlan wurde "von der Viererbande benutzt".27 Vor allem wer sich fürs Bespucktwerden noch bedankte, konnte gelegentlich das Leben und vielleicht ein Pöstchen retten. Liang Shuming wurde, über siebzigjährig, wie ein Affe an einer Leine durch die Straßen gezerrt, mußte dazu eine Handtrommel schlagen, durfte dann aber Mao öffentlich zur Kulturrevolution beglückwünschen, die ihm, Liang, den Übergang in den proletarischen Kommunismus gewährt habe.28 Da hatte Liang eben endlich Klassenkampfwissen erworben, ebenso wie Yu Guangyuan, der, 1943 gesäubert, 1950 als Bodenreformer Grundherren beseitigen durfte, dann gar zum Büroleiter in der Propagandaabteilung des ZK, zuständig für Wissenschaft, aufstieg, daher zwar als "kapitalistischer Machthaber" 1966-69 wieder gesäubert wurde, aber ab 1975 im "Politikstudienraum des Staatsrats" - organisiert von dem ebenfalls wieder aus der Versenkung hervorgeholten Deng Xiaoping, zusammen mit u.a. Kang Shengs Sekretär Li Xin - die Reformpolitik planen konnte, die Deng dann ab 1978 durchführte.29
Mao hat sich oft genug Kritik zu eigen gemacht, nachdem die Kritiker für Jahrzehnte in die Arbeitslager gewandert, in den Selbstmord getrieben, ermordet worden waren. Das Wort "wir haben keinen Himmel und kein Recht", das Yang Zhaolong, Xie Huaishi und viele andere die Freiheit kostete (Xie wurde 1978 rehabilitiert und freigelassen, Yang starb 1979 im Arbeitslager) benutzte Mao 1962 selbst und forderte "Strafrecht, sogar Zivilrecht". Kritik an blinder Verehrung sowjetischer Vorbilder brachte zahllose Intellektuelle ins Lager, wurde bei Mao dann Kampf gegen den Sowjetrevisionismus. Kritik am Marxismus war übelste Häresie, aber in der Kulturrevolution war das Studium von Marx und Genossen suspekt (Xie brachte sich im Lager anhand einer russischen Maoausgabe Russisch bei; Lenins oder Stalins Werke hätte er nie bekommen), ab 1972 ließ man von dem 1957 als Rechten in einen Bibliotheksjob verbannten Ökonomen Li Yining intern amerikanische Wirtschaftstheorien verbreiten.30 Lin Zhao wurde für ihre journalistische Arbeit für die Partei erschossen, aber Mao führte Sonderberichterstatter ein, die frei überall recherchieren und sich in internen Publikationen frei äußern sollten.
Kurz, Mao waren die auf sein Geheiß so heftig umkämpften Fragen gleichgültig. Dynastiegeschichten liebte er als Darstellung von Machtkämpfen, und ideologische Fragen interessierten ihn nur als Anlaß für Machtkämpfe, eben "Klassenkampf". Daher blieb gewöhnlich, wer wegen "altem Rechtsdenken", als Antisowjet oder Antimarxist oder weshalb immer ins Arbeitslager geraten war, auch bei Kurswechseln dort, seine Angehörigen durften ihn nicht besuchen, in der Kulturrevolution nicht einmal mit ihm korrespondieren und hörten von ihm allenfalls, wenn die Polizei nach seiner Erschießung den Preis der Patrone ersetzt verlangte.
Falls sie selber dann noch in Freiheit waren.
Denn die Säuberungen erfaßten, wie gesagt, stets auch Angehörige und Freunde, wenn die sich nicht schleunigst scheiden ließen, Kontakte abbrachen, sich voll Abscheu vom Klassenfeind öffentlich abwandten. Das brachte nicht jeder fertig. Wang Zaoshi und seine Kinder waren empfindsame Menschen, ein Sohn war in psychiatrischer Behandlung. Die ältere Tochter, Juristin im Justizministerium, wurde in der Sufan-Kampagne "überprüft" und darauf geisteskrank, ebenso dann unter dem Druck der Kampagne gegen den Vater der andere Sohn, ein ausgezeichneter Student; die zweite Tochter, Physikerin, zu körperlicher Arbeit in die Fabrik geschickt, weil sie darauf beharrte, der Vater sei kein Rechter, verfiel in tiefe Depression. Die Söhne mußten in eine Irrenanstalt. 1966 stürmten Rotgardisten Wangs Wohnung, er wurde als "geschichtlicher Konterrevolutionär, jetziger großer Rechter" drei Monate lang täglich in der Wohnung und öffentlich verhört, geschlagen, schließlich verhaftet, verlor Stellung und Lohn, die Anstalt schickte die Söhne nach Hause, wo sie als gewalttätig ans Bett gefesselt wurden, ohne Medikamente, schlecht ernährt - die ganze Familie hatte kaum zu essen - und nach 3 Monaten starben. Die Frau war in die Fabrik geholt worden, um dort "überwacht" zu arbeiten. Die jüngste Tochter wurde, das Haar geschoren, auf Kampfversammlungen herumgezerrt. Wang blieb 5 Jahre in Haft, verfiel zusehends, wurde schließlich als Gefangener Nr. 1416 in Handschellen ins Krankenhaus gebracht, wo er fortwährend "Lang lebe der Vorsitzende Mao!", "Vorsitzender Mao, rette mich!" rief. Zhou Enlai gab freundlicherweise noch Anweisung, sich um Nr.1416 besonders zu kümmern. Wang starb nach wenigen Tagen. Frau und Tochter sahen ihn nach 5 Jahren als Leiche wieder. Die Tochter starb ein paar Monate später.31
So ging's gegen die alten Gegner (bedeutende Verbrecher, wie die Verantwortlichen japanischer Menschenversuche, ließ man aber auch mal großmütig frei), gegen die alten Kampfgenossen unter den Intellektuellen, gegen aufrechte Parteimitglieder, und weil sie alle so rasch liquidiert waren, schuf man sich Klassenfeinde auch auf Vorrat: über geeignete Opfer sammelte man lang vorher Material. Jia Zhifang, verhaftet als Freund von Hu Feng, traf im Gefängnis 1955 einen alten Bekannten, einen Guomindang-Agenten, der ihn einst verhört hatte und, nun selber Häftling, eifrig für die neuen Herren "Material" über die einst von ihm Verhörten zusammenstellte; als Jia mit ihm sprach, schrieb er gerade an einem Bericht über Tian Han und andere, damals noch gefeierte Schriftsteller des neuen China, die später mit Hilfe solcher Berichte als Rechte oder Konterrevolutionäre entlarvt wurden.32
Alles nur Einzelfälle, nicht wert, im "Großen China-Lexikon" erwähnt zu werden (das ja "auf biographische Artikel verzichtet", S.VII). Einzelfälle, wie (um ein paar persönliche Erinnerungen zu zitieren) die Kollegin, die 1984 plötzlich unkontrollierbar zitterte, als sie von fern eine ältere Frau sah - die während der Kulturrevolution Dutzende denunziert, ins Lager, in den Tod gebracht hatte. Die Kollegin erzählte mir dann, wie sie 1973 mit ihrem plötzlich hoch fiebernden Kind auf die Straße rannte und einen Karren suchte, um den Kleinen zum Arzt zu transportieren - und niemand ihr half, denn sie hätten ja Klassenfeinde sein können. Einzelfälle, wie die Krankenschwester, die ruhig zuhörte, als ihre Freunde erzählten, wie sie während der Kulturrevolution als Buben, rote Garden, im Land herumgereist waren, um "Erfahrungen auszutauschen", und plötzlich schrie: "Hört doch auf! Wißt ihr nicht mehr, wie sie uns Kinder gerufen haben - kommt, kommt, schaut euch das an? Wie da (in einem Pekinger Wohnblock) Lehrerin X und ihr Mann in der zertrümmerten Wohnung lagen, die Gehirne an die Wände gespritzt? Erfahrungen roter Garden!" Einzelfälle, wie der Geologe, Sohn eines berühmten Wissenschaftlers, der als Rechter bis 1979 im Lager saß und hoch geehrt ein Jahrzehnt später verstarb. Der Sohn erzählt gern von seinem Vater, verschweigt aber heute, 2003, immer noch ängstlich, daß sein Großvater gut zehn ha Land besessen und von deren Pacht sein und seines Sohnes Studium finanziert hatte - ein "Grundherr" gewesen war! Die Familie hatte im 19. Jahrhundert das Land mit harter Arbeit erworben, keine hohe Pacht verlangt und das Geld in Gänze für ihr Studium, ihre Kenntnisse aber zum Nutzen der Allgemeinheit verwandt. Aber die Angst, die Angst wirkt immer noch, bald 30 Jahre nach Maos Tod, gut 20, seit es offiziell keine & quot;Ausbeuterklassen" mehr gibt.33 Lauter Einzelfälle. Millionen und Abermillionen davon.
Nie den Klassenkampf vergessen! war Maos Hauptlosung bis zuletzt, sie findet sich auf banalsten Texten, Lehrbüchern der Buchführung, noch Jahre nach seinem Tod. Ziel des Klassenkampfes aber waren nicht irgendwelche "Einstellungen", waren nicht die Klassenfeinde, die man dazu bei Bedarf immer wieder neu erfand, sondern Angst, Angst, Angst. Und Tote. Von Angst Geblendete34 und Tote.
Das sagt das "Große China-Lexikon" nicht. Deshalb wirken Spekulationen zu Maos "Gedanken" wie bei Schram oder zu den Zielen von Kampagnen wie bei Teiwes oder Duckett absurd, fast als hätten Kang Sheng oder Xu Dixin sie verfaßt. ("Eine gewisse Erschöpfung" der Massen stellt Duckett zu Ende der Kulturrevolution fest. Gewisse Erschöpfung?) So lohnt in diesem Lexikon für die ganze Zeit von 1949 bis Ende der 1970er Jahre eigentlich nur der Artikel von Domes die Lektüre. Nur er vermittelt jedenfalls für den, der über die nüchternen Zahlen dort nachdenkt, eine Ahnung von dem Entsetzen jener Jahre. Gewiß, Einzelartikel vor allem zu Philosophie und Literatur erwähnen Verfolgung einzelner, wenngleich oft verharmlost (S.231:"In den 1950er/1960er Jahren wurde Ding Ling kritisiert..."; nein, die berühmte Schriftstellerin wurde 1955 als Mitglied einer "parteifeindlichen Clique" angegriffen, 1957 als "große Rechte" eingestuft und landesweit in der Presse als letzter Dreck von Frau verächtlich gemacht. Hu Feng war, S.443, "Angriffen" ausgesetzt, wurde, S.452, als er "die 'vulgärsoziologische Methode' kritisiert hatte,...als Konterrevolutionär angeklagt" - er hatte, wie erwähnt,32 in einem Brief ans ZK intellektuelle Freiheit gefordert, wurde darauf, richtig, von Mao beschuldigt, Haupt einer konterrevolutionären Clique zu sein und 1955 verhaftet, saß ohne Verfahren bis 1965, wurde dann angeklagt, zu Lebenslänglich verurteilt und erst 1981 freigelassen. Usw.) Vielfach aber wird die Zeit fast gänzlich ausgespart, so in den Artikeln über Recht (auch in meinem eigenen über Wirtschaftsrecht), als hätte es damals keine Vorschriften, keine Juristen gegeben; nur S.611 bemerkt v.Senger knapp: "Infolge der den Klassenkampf zur Hauptaufgabe ... erhebenden Linie (1949-78), insbesondere während der Kulturrevolution (1966-76), kam die Rechtspflege praktisch zum Erliegen"; das war's dann.
Wie wenn in einem Deutschland-Lexikon Freisler und Benjamin, Globke und Mielke, aber auch die paar mutigen Juristen (wir hatten freilich viel weniger als China) nicht vorkämen, auch Buchenwald, Bautzen und Waldheim nicht. (Auschwitz und Mengele schon gar nicht; das Große China-Lexikon erwähnt S.489 die chinesischen Erfolge bei der Organ-Transplantation, nicht aber, woher viele der Organe kamen.)
Es hätte wohl auch genügt, einige Sätze aus Canettis Beschreibung des "Überlebenden" zu zitieren.
"Die Genugtuung des Überlebens kann zu einer unersättlichen Leidenschaft werden. Je größer der Haufen der Toten ist, unter denen man lebend steht, je öfter man solche Haufen erlebt, um so unabweisbarer wird das Bedürfnis nach ihnen. ... Der Machthaber ... wird freien Raum um sich schaffen. Der Schrecken, den er verbreitet, kommt ihm zu; er ist sein Recht, und für dieses Recht wird er aufs höchste verehrt. Er wird eine Hinrichtung um ihrer selbst willen verfügen, ohne daß es so sehr auf die Schuld des Opfers ankommt. Er wird Hinrichtungen brauchen, desto mehr, je mehr seine Zweifel wachsen. Seine vollkommensten Untertanen sind die, die für ihn in den Tod gegangen sind ... Ruhe und Unerschütterlichkeit inmitten der Verwesung kennzeichnen den Helden." 35

Canetti dachte da wohl nur an den Führer. Doch er beschrieb damit auch die Gefolgsleute, die Himmler, Göbbels, Kang Sheng, Zhou Enlai, Rui Mu und viele andere, die unter des Führers wohlwollendem Blick eiferten, es ihm nachzutun. Wahres Wissen, lehrte Mao die Parteihochschule, erwirbt der Buchgelehrte erst aus der praktischen Arbeit. Im Klassenkampf!

Die Chinesen haben das alles nicht vergessen. Sollten wir Deutsche es vergessen?


Anmerkungen:
1 Hushang fazhimeng [Shanghaier Traum von der Herrschaft des Rechts], Peking 2001, S.3. Zitiert nach Auszügen im Netz, hier nach dem Netzabdruck von Xie Yong: 1949-76 nian Zhongguo zhishifenzi zisha wenti [Das Problem der Selbstmorde chinesischer Intellektueller in den Jahren 1949-1976], ursprünglich in Ershiyi shiji Nr.60, hier nach www.boxun.com/hero/dangshi/19_1.shtml.
2 Politischer Bericht des ZK an den 8.Parteitag, 15.9.1956, Zhonghua renmin gongheguo fagui huibian [Sammlung der Rechtsnormen der VR China] Bd.4, Juli-Dez.1956, S.19 ff., insbes.S.28, 32 f., 56 f.
3 Mao Zedong xuanji 5.443.
4 Mao Zedong xuanji 5.437.
5 Mao Zedong xuanji 5.435.
6 Rede vom 1.2.1942, Mao Zedong xuanji - einbändige Ausgabe - S.813, 817 f.
7 Vgl. Ding Shu: Yangmou [Lobenswerte Machenschaften], 2. Aufl.Hongkong 1993, im folgenden zitiert als "Yangmou" nach der elektronischen Ausgabe - mehrere Netzseiten - , Kap.1 vor Anm.16, Kap.10 nach Anm.31.
8 Angaben über Yu und Wiedergaben seiner Schriften finden sich an vielen Stellen im Netz, so www.xys.org, www.xys2.org, www.chinamonitor.org. Das Große China-Lexikon erwähnt ihn nicht.
9 Zhengfa yanjiu [Politisch-juristische Untersuchungen] (Zweimonatsschrift, Peking) 1958/1.10ff.
10 Vgl. Zhengfa yanjiu 58/1.10,27,40 zu Wang Han.
11 Vgl. Zhengfa yanjiu 1959/5.29. Yang Zhaolong hatte als Schüler Roscoe Pounds an der Harvard U. promoviert, dann in Berlin studiert; zurückgekehrt, wurde er Professor u.a. an der Fudan-U. (Shanghai) und der Zentralen politichen Hochschule (wo Xie Huaishi sein Schüler gewesen sein mag), nahm 1948 auf Anratemn kommunistischer Freunde den ihm von der Nationalregierung angetragenen Posten des Generalstaatsanwalts an, verhalf als solcher Hunderten verhafteter Kommunisten zur Freiheit und unterstützte Pound, der 1948 im Auftrag der Nationalregierung die chinesische Justiz untersuchte. 1949 bot Pound ihm eine Professur in den USA an, er blieb in China, vor allem auf Drängen seiner Frau (die sich 15 Jahre später wegen der Folgen für ihre Familie aus Reue das Leben nahm), erhielt eine Professur wieder an der Fudan, durfte aber kein "kapitalistisches Recht" unterrichten, nur Russisch-Unterricht geben. 1956/7 erklärte er in seiner Kritik, die neue Entwicklung brauche dringend neues Recht, und solange man das nicht habe, müsse man halt sehen, was vom alten Recht in der neuen Ordnung noch brauchbar sei. Das war ganz im Geiste von Pounds soziologischer Jurisprudenz und ganz entgegen Maos Klassenkampflehren, auch wenn Yang nicht so dumm war, Pound oder Mao zu zitieren, sondern "einseitige Auslegung der Klassennatur des Rechts" nur allgemein tadelte und dagegen, möglichst sowjetische Schriftsteller zitierend, auf die Weiterverwendung römischen "Sklavenhalter"-Rechts im Kapitalismus (und seines Systems gar in der UdSSR), kapitalistischen rechts u.a. in der DDR und Polen verwies.
12 Yangmou Kap.5.
13 Zhengfa yanjiu 57/6.21 dafür scharf getadelt von ihrem Kollegen Rui Mu, 1937 in Frankfurt promoviert und bis heute Professor an der jur. Fakultät der Peking-Universität.
14 Sun Yaming in Zhengfa yanjiu 57/6.21.
15 Zhengfa yanjiu 58/1.57.
16 Yangmou Kap.11.
17 Vgl. Du Gangjian: Qian Duansheng de renquan sixiang [Qian Duanshengs Menschenrechtslehre], www.tszz.com/scholar/dgj/dgj019.htm . Zum Folgenden vgl. Yangmou Kap. 15, insbes. dort bei Anm.2.
18 Wenhuibao 3.-6.6.57; vgl. Hushang fazhimeng (Anm.1, hier zitiert nach www.nju.edu.cn/nju100/people_stories/reviews/note/xiaoshisuoyi.htm). Die Wenhuibao und die Pekinger Guangming ribao waren offiziell Zeitungen der Demokratischen Liga (Minmeng), einer Blockpartei der Intellektuellen, wenngleich sie tatsächlich von KP-Leuten kontrolliert wurden. Die Anti-Rechts-Kampagne richtete sich besonders gegen Minmeng-Angehörige, Mao erfand eine von führenden Minmeng-Leuten - dem Qinghua-Rektor Luo Longji und dem Transportminister Zhang Bojun - organisierte Anti-Partei-Liga, wobei er sich vor allem auf Luos Kritik an der Einmischung der Parteikomitees in Hochschulangelegenheiten berief. Deshalb griff er auch diese Zeitungen an (Mao: Wenhuibao de zichan jieji fangxiang yingdang pipan [Die kapitalistische Ausrichtung der Wenhuibao muß verurteilt werden], Mao Zedong xuanji 5.435), und deshalb waren vorher Artikel wie der von Yang dorthin lanciert worden.
19 Xu Dixin u.a., Zhongguo zibenzhuyi gongshangye de shehuizhuyi gaizao [Die sozialistische Umgestaltung von Industrie und Handel des chinesischen Kapitalismus], Peking 1978, S.250.
20 Yangmou Kap.4 m.w.Nachw.; He Jixiang aaO.; vgl. auch Xu Dixin aaO. S.245 f.
21 Dai Huang: Jiu si yi sheng - wo de "youpai" licheng [Neun Tode, ein Leben - meine Laufbahn als "Rechter"], www.shulu.net/js/jsys/jsys.htm, Kap. 7.2; Xinhua-Nachricht vom 8.7.1957 Xinhuashe jiefa fandang fenzi Dai Huang de yi xilie fandang yanxing [Die Xinhua deckt die Reden und Handlungen auf, die der Parteigegners Dai Huang seit eh und je gegen die Partei begangen hat] (abgedruckt bei Dai Huang aaO. Kap.8).- Dai wurde monatelang "bekämpft" - verhört, auf Veranstaltungen und in weiteren Artikeln beschimpft, seine Frau ließ sich scheiden, er kam zu "überwachter Arbeit" auf eine Staatsfarm im Norden.
22 Ausführlich zu Kang Shengs Taten und Methoden: Lin Qingshan: Kang Sheng waizhuan [Inoffizielle Biographie Kang Shengs], (Nachdruck) Peking 1988; vgl. dort S.41 ff., 85 ff., 102 ff., 109 ff., 205 ff.. Die Eins zu zwei/Zwei zu eins - Debatte wird von Ai Zhong, Li Huan: Jianguo yilai zhexue wenti taolun zongshu [Umfassende Darstellung der philosophischen Debatten seit der Staatsgründung], Changchun 1983, S. 339 ff., detailliert wiedergegeben, vgl. insbesondere S.352-356 die Angaben zu den politischen Implikationen.
23 Vgl. den Artikel "Musik", S.513.
24 Renmin ribao 24.3.1957; bisher sei es ja einfach gewesen, schrieb Fei damals, alles was aus der Sowjetunion kam, sei gut, alles aus dem Westen schlecht gewesen, man habe also einfach alles Westliche dem Altpapierhändler geben und Russisch lernen oder, wenn dazu die Zeit nicht gereicht habe, auch die handlichen übersetzten Zusammenfassungen russischer Traktate benutzen können; nun sei die Schwierigkeit, daß man selber denken müsse; viele hätten davor und vor den bösen Folgen solchen Tuns noch immer größte Angst. Fei bemühte sich mit diesem Artikel im bestem Glauben, die Ängste der Intellektuellen zu beruhigen und half damit ahnungslos Mao und Zhou, ihre Fallen zu stellen. Immerhin zeigte er bewußt sehr deutlich die Grenzen der angeblichen Freiheit. Auch dürfte die bittere Ironie seiner Bemerkungen über freies Denken zumindest dem nicht entgangen sein, der "China von der Struktur seiner Gesellschaft her gesehen" gelesen hatte.- Fei selbst kam zwar 1966, zu Anfang der Kulturrevolution, als Konterrevolutionär in den "Kuhstall", aber 1972 zurück an die Minderheitenhochschule und durfte dort in aller Stille bis zu seiner vollen Rehabilitation 1979 u.a. Wells' Weltgeschichte übersetzen.
25 Yangmou Kap.15 zu Anm.24, m.w.Nachw. Dagegen verlor Peng Dehuai, Held der Revolution, Verteidigungsminister, wegen seiner Kritik am großen Sprung (widersprüchliche Angaben dazu Großes China-Lexikon S.276,834) zunächst nur alle Ämter. Aber in der Kulturrevolution, im Juli 1967, wurde er wegen Verschwörung mit dem Ausland und anderer absurder Vorwürfe verhaftet, immer wieder verhört, gefoltert und geschlagen; im Frühjahr 1973 zeigten sich erste Anzeichen von Mastdarmkrebs, an dem er, 76jährig, unbehandelt und gelähmt unter großen Schmerzen in einer dunklen Zelle liegend, am 29.11.1974 starb. Das alles erwähnt das Große China-Lexikon nicht. Vgl. aber www.cnhubei.com/aa/ca52021.htm, www.renminbao.com/rmb/articles/2003/6/15/26747.html.
26 Yan Jiaqi, Gao Gao: Zhongguo "Wenge" shinian shi [Geschichte des Jahrzehnts der chinesischen "Kulturrevolution"], 1986, Nachdruck Hongkong o.J., S.307 ff.
27 Vgl. das Photo bei Yan, Gao aaO. S.491 oder Fengs für die Anti-Konfuzius-Kampagne geschriebenes Traktat Lun Kong Qiu [Über Konfuzius], Peking 1975, in dem Feng übrigens auch die "Zwei-zu-eins" Frage behandelt (S.67-76).
28 www.cc.org.cn/pingtai/010808300/0108083006.htm.
29 Vgl. Yu Guangyuan, Wenge zhong de wo [Ich in der Kulturrevolution], Peking 1995.
30 In der internen Zeitschrift Waiguo jingjixue dongtai [Entwicklungen in der ausländischen Wirtschaftswissenschaft]. Vgl. Li Yining: Jingji, wenhua yu fazhan [Wirtschaft, Kultur und Entwicklung], Peking 1996, S.263 ff.
31 Yangmou Kap.11 zu Anm.12, m.w.Nachw.; Mu Qing: Wang Zaoshi fu nü qusi Gongheguo, www.hhgmagazine.org/issue01/gb/7_2.txt. Das war kein Einzelfall. Die Kampagnen trieben viele Angehörige ihrer Opfer in die Geisteskrankheit, so die Ehefrau des Schriftstellers Wang Ruowang, die bedrängt wurde, weil sie sich nicht scheiden lassen wollte; sie starb 7 Jahre später (Yangmou Kap. 15 vor Anm.19); oder Wu Hans Adoptivtochter (unten Anm.33).
32 Vgl. Jia Zhifang: Yu li yu wai [Im Gefängnis und draußen], Peking 1995, S.114.- Hu Feng hatte schon in Yan'an, dann 1953 in einem langen Protestbrief an das ZK gewagt, zu behaupten, der Künstler müsse nicht ausschließlich für die Ziele der Partei, sondern er müsse für die Kunst arbeiten. 1953 wurde er deshalb natürlich verhaftet, ebenso, wer ihn kannte und nicht sogleich verleugnete (das Sicherheitsministerium soll 50.000 Akten über Hus Bekannte gesammelt haben), auch eben sein alter Freund Jia, der mit Hus Eingabe nichts zu tun hatte. Hu und Jia saßen jahrelang ohne Verfahren im Gefängnis, 1965 bzw. 1966 wurden sie schließlich wegen Konterrevolution angeklagt und Hu zu Lebenslänglich, Jia zu 12 Jahren verurteilt; Jia wurde kurz darauf auf Bewährung, Hu erst 1981 freigelassen. Vgl. Jia aaO. S.191 f.
33 Verfassung von 1982, Einleitung, Absatz 8.
34 Viele verleugneten in ihrer Not alles, was sie gewesen waren, wurden zu blinden Werkzeugen, um sich oder wenigstens ihre Familie vor dem Schlimmsten zu bewahren; niemand sollte ihnen das heute gar zu leichtfertig vorwerfen. Manche aber zeigten großen, fast irrsinnigen Mut. Wu Han, der 1957 kräftig mitgesäubert hatte, zog sich wenig später durch eine Neuausgabe seiner (historisch korrekten) Biographie des grausamen ersten Ming-Kaisers Maos Haß zu, weil Mao sich darin wiedererkannte - zu Recht, obgleich das Buch schon vor der Staatsgründung der Volksrepublik verfaßt und damals als Angriff auf Tschiang Kaischek verstanden worden war, auch zu Recht. Der Historiker Wu Han aber machte weiter, schrieb über einen Beamten der Ming-Zeit, der seinen Kaiser kritisiert hatte, weil der nur auf seine mystischen - "ideologischen" - Spekulationen bedacht war und sich um das Elend des Volkes nicht scherte; jeder zog die Parallele zu Peng Dehuai. Wu schrieb auch noch ein Stück über diesen Beamten, soll gar von Mao zur Aufführung ermutigt worden sein ("sollen sie furzen!"). Aber 1969 wurden Wu und seine Frau dafür zu Tode gequält, seine Tochter wurde wahnsinnig. Manche kamen schließlich zur Besinnung. Jiang Qing, Maos getreue Oberhetzerin der Kulturrevolution, deshalb zu Lebenslänglich verurteilt, war im Gefängnis, obwohl sie weiter gläubig Maos Worte predigte, wegen ihrer Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft bald allgemein beliebt und wurde, als sie sich umbrachte, weil sie die Schmerzen ihrer Krankheit nicht mehr ertrug, von Mithäftlingen wie Gefängnispersonal betrauert. Das sei vielleicht ihre ursprüngliche, wahre Natur gewesen, meinte jemand. - Was mag aus den Gymnasiasten in Guangxi geworden sein, die in kulturrevolutionärem Eifer ihre Lehrer nicht nur erschlugen, sondern auch noch auffraßen?
35 Elias Canetti: Masse und Macht. Fischer-Taschenbuch 1980, S.253,256,28.
 
 
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