Östlich von Neustrelitz
Von der bescheidenen - und verspäteten - Chinoiserie im pommerschen Neustrelitz war in Folge 4 dieser Notizen die Rede gewesen. Der Sommer macht Lust auf weitere Reisen, und St. Petersburg liegt nicht gar so ferne von Neustrelitz. Beim Flanieren durch dessen Straßen wird der Spaziergänger sich immer wieder an die europäische Geschichte erinnern - und den Hamburger mag ein russisch-deutsches Schild an einem eher bescheidenen Bau erfreuen: hier habe Otto von Bismarck von 1859 bis 1862 als Preußischer Gesandter residiert.
Der Chinakundige strebt allerdings vor allem zu den großen Sommersitzen des Zarenhofes unweit von Petersburg. Peterhof, Oranienbaum, Monplaisier, Zarskoje Zelo sind einige von deren Namen. Ihre Entstehung oder ihr Ausbau ist mit den Namen so berühmter Herrschergestalten wie Peter I. (1672-1725) und Katharina II. (1729-1796), einer geborenen Prinzessin von Anhalt-Zerbst, verbunden. Nur wenige Wochen im Jahr weilten sie allerdings an solchen Stätten: gewaltige Paläste und anmutige Schlösser -darunter in Oranienbaum auch ein Chinesisches Palais, das von außen allerdings ganz unchinesisch anmutet - und von den herrlichsten Parks umgeben! Geschaffen wurden diese Anlagen im 18. Jahrhundert von Baumeistern und Architekten aus ganz Europa, nicht wenige Deutsche darunter.
In jedem dieser Paläste entzückt wenigstens ein China-Kabinett, meistens sind das sogar zwei oder gar ein chinesisch dekorierter Saal. Vor allem kostbare Porzellane und chinesische Tapeten bewirken den Zauber dieser Räume. Ihnen gegenüber erscheinen die pommerschen Chinoiserien als besonders plump. Weniger entzücken allerdings an diesen Stätten die "aparten" russischen Matkas, die in jedem Raum hocken und deren Argusaugen darüber wachen, daß kein Westler ohne die Fotogebühr von 20 Mark knipst. Trotzdem gelang hier und da ein verstecktes Foto. - Apart war auch der Geschmack der frühen Dekorateure. Häufig hängten sie auf die zarten chinesischen Tapeten drastische Aktbilder der üppigeren herrscherlichen Mätressen oder vergleichbarer Damen. Neben einem dieser Chinakabinette war sogar ein ganzer Raum mit Dutzenden von Mätressenporträts vollgehängt!
Damals, im 18. Jahrhundert, wußte man am Zarenhof schon länger als in Deutschland, daß das China solcher Chinoiserien nichts mit dem wirklichen China zu tun hatte. Es hatte schließlich schon direkte politische und militärische Erfahrungen mit China gesammelt.
Wahrscheinlich haben solche russischen Chinoiserien ganz andere Hintergründe als diejenigen von Neustrelitz und westlich davon. Auf jeden Fall passen sie zu dem russischen Kosmopolitentum, das der Zarenhof zu dieser Zeit kräftig belebte.
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