Verwandlungen eines Anfängerkursus
Jetzt ströpen sie wohl alle in China herum! Sie - das sind die Hamburger Sinostudis, die am Ende des Sommersemesters 2000 ihr Studium bis zur Zwischenprüfung vorangetrieben hatten.
Der Sprachkurs im Grundstudium ist der am stärksten reglementierte Teil eines Studiums der Sinologie. Trotzdem unterliegt er dermaßen starken Veränderungen, daß hierdurch interessante Einblicke in das Studierverhalten möglich werden. Einige von diesen deuten die nachstehenden Bemerkungen an:
Das Studentensekretariat der Uni HH meldete für das Wintersemester 98/99 insgesamt 30 Zulassungen für einen Studienplatz in den Fächern Sinologie I und II. Einer war versehentlich in diese Liste geraten, 7 sind niemals erschienen, ein Nachrücker kam hinzu. Das waren also 23 Anfänger mit dem Hauptfach Sinologie - und zwei weitere, die "es" noch einmal versuchen wollten.
In dem Sprachkurs "Hochchinesisch für Anfänger" von Dr. Ruth Cremerius saßen dann allerdings 48 Personen (m 21, w 27), jedenfalls zu Beginn. Nebenfächler und andere Chinesischinteressenten waren hinzugekommen. In der letzten Semesterwoche waren immerhin 37 geblieben. 8 Hauptfächler und 3 Nebenfächler hatten aufgegeben. Bei den Hauptfächlern sind die Gründe für den Abbruch bekannt: 3 wechselten das Studienfach, 3 widmeten sich wieder ihrem Beruf, da Sinologie nur eine angestrebte Zweitausbildung war, bei den übrigen 2 lagen die Gründe im persönlichen Bereich.
Der Abschlußklausur am Ende des WS 98/99 stellten sich also 37 Teilnehmer. 30 bestanden ohne weiteres und mit zum Teil hervorragenden Ergebnissen. Nicht wenige schafften mehr als 90 % der erreichbaren Punktezahl. Diejenigen, die nicht bestanden, zeigten sich überwiegend ebenso deutlich indisponiert: 15 bis 20 %. Diese hatten jedoch die Möglichkeit, ihre Kenntnisse während der Semesterferien aufzubessern und sich einer Nachholklausur zu widmen.
Nach dem 2. Semester "Gegenwartschinesisch" kamen dann noch 31 Teilnehmer zur Abschlußklausur. Ausgeschieden seit dem Ende des 1. Semesters waren Teilnehmer mit sowohl guten als auch unzulänglichen Studienleistungen. Jetzt bestanden nur 20 die Abschlußklausur im ersten Anlauf, 11 nicht. Dabei fiel auf, daß die einzelnen Teilnehmer während beider Semester konstante Studienleistungen erbrachten, im guten wie im weniger guten Sinne. - 5 Teilnehmer dieser Abschlußklausur hatten nicht an der des 1. Semesters teilgenommen, waren also Wiederholer oder hatten erste Sprachkenntnisse andernorts erworben. Das deutet an, daß die Abbrecherquote vom 1. zum 2. Semester höher war als die Teilnehmerzahlen von 37 und 31 vermuten ließen.
Beim nächsten Schritt in das Weiterstudium vollzog sich dann ein gravierender Einschnitt. Im 3./4. Semester führte Dr. Jinyang Zhu den Sprachkurs fort. Im Übergang vom 2. Semester in diese neue Studienphase gaben 22 Teilnehmer diesen Sprachkurs auf, und vier bisher nicht registrierte Studierende kamen hinzu. Diese vergleichsweise hohe Schwundquote ist allerdings nicht mit Studienabbruch gleichzusetzen, denn möglicherweise hatten Nebenfächler das von ihnen verlangte Sprachpensum erfüllt. Auch bei dieser Schwundquote spielen die Studienleistungen im Sprachunterricht offenbar keine Rolle. Abermals "entschwanden" Studierende mit guten wie mit weniger guten Studienleistungen. Der Zwischenprüfung am Ende des 4. Semesters unterzogen sich dann 23 Personen, 17 Hauptfächler und 6 Nebenfächler. Allein 9 von ihnen erreichten trotz strenger Maßstäbe ein "sehr gut", 8 immerhin ein "gut". Wie bei den Abschlußklausuren der beiden ersten Semester zeigte sich auch hier, daß zwischen sehr gut/gut und ungenügend ein auffälliger Abstand herrschte. Das "Mittelfeld" war klein. Dieser Befund läßt sich wohl nur durch erhebliche Motivationsunterschiede erklären.
Zum Grundstudium gehört auch der zweisemestrige Lehrgang "Klassisches Chinesisch", den diesmal Dr. Dorothee Schaab-Hanke leitete. Von der Studienplanung her betrachtet, soll er parallel zu dem 3./4. Semester Gegenwartschinesisch absolviert werden. Zu vermuten wäre also, daß deren Teilnehmer weitgehend identisch seien, doch weit gefehlt! 9 Teilnehmer des Zhu-Kursus nahmen den von Schaab-Hanke nicht wahr, darunter alle verbliebenen Nebenfächler. Obwohl diese zum Teil vorzügliche Leistungen im Gegenwartschinesischen aufwiesen, reichte ihr Chinainteresse also nicht so weit, daß sie auch das "Klassische" hätten lernen wollen, obwohl dieses allein den Zugang zur chinesischen kulturellen Tradition erlaubt. Stattdessen nahmen 8 Teilnehmer (darunter 2 Externe), die nicht auch das "Gegenwartschinesisch" besuchten, den "Klassisch"-Unterricht auf. Offenbar hatten sie diesen Parallelkurs bereits in einer früheren Studienphase bewältigt und holten das "Klassisch" erst jetzt nach. Ansonsten entsprachen die im "Klassisch" erzielten Ergebnisse bei den einzelnen Teilnehmern weitgehend denen im gegenwartssprachlichen Unterricht.
Obwohl also die Sprachlehrveranstaltungen im Grundstudium den am stärksten reglementierten Teil eines Studiums der Sinologie bilden, nimmt ein erheblicher Teil der Studierenden die durch die Studienpläne vorgegebenen Abläufe nicht wahr. Vielmehr gestaltet dieser Teil sein Studium in selbstbestimmter Weise und nach anderen Gesichtspunkten. Dieser Eindruck würde sich wahrscheinlich noch erheblich verstärken, wenn die ebenfalls für das Grundstudium vorgesehenen Proseminare zu Sachthemen in die Betrachtung einbezogen würden.
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